Abstinenz

In der Suchtpsychologie beschreibt Abstinenz (von lateinisch abstinere „sich enthalten“) den bewussten und dauerhaften Verzicht auf das Suchtmittel (Alkohol, Drogen, Medikamente) oder das Suchtverhalten (Glücksspiel, Mediensucht). Während Abstinenz früher als die einzige Definition von Heilung galt, wird sie heute differenzierter als ein dynamischer Prozess der Verhaltensänderung betrachtet.

Phasen des Abstinenzprozesses

Der Weg zur stabilen Abstinenz ist selten linear. Die Psychologie nutzt häufig das Transtheoretische Modell (TTM) nach Prochaska und DiClemente, um die Bereitschaft zur Abstinenz zu beschreiben:

  • Absichtslosigkeit (Precontemplation):
    Der Konsument sieht kein Problem; Abstinenz ist kein Thema.
  • Absichtsbildung (Contemplation):
    Es entsteht ein Bewusstsein für die negativen Folgen; Vor- und Nachteile der Abstinenz werden abgewogen.
  • Vorbereitung (Preparation):
    Erste kleine Schritte werden unternommen (z. B. Information über Beratungsstellen).
  • Handlung (Action):
    Die Person hört aktiv auf zu konsumieren. Dies ist die Phase der höchsten Rückfallgefahr.
  • Aufrechterhaltung (Maintenance):
    Das neue Verhalten wird stabilisiert; Strategien zur Rückfallprävention werden in den Alltag integriert.

Psychologische Herausforderungen der Abstinenz

Das Belohnungssystem und „Craving

Auf neurobiologischer Ebene hat die Sucht das Belohnungssystem (v. a. das dopaminerge System) umprogrammiert. Bei Abstinenzbeginn entsteht oft ein massiver Suchtdruck (Craving). Psychologisch müssen hier Strategien zur Impulskontrolle erlernt werden, da das Gehirn nach der gewohnten Dopaminausschüttung verlangt.

Kognitive Dissonanz

Abstinente Personen erleben oft eine Spannung zwischen dem Wunsch, „nur ein Mal“ zu konsumieren, und ihrem langfristigen Ziel der Gesundheit. Die Psychologie hilft hier, diese Dissonanz durch die Stärkung der Selbstwirksamkeitserwartung aufzulösen – also dem festen Glauben daran, schwierige Situationen aus eigener Kraft meistern zu können.

Rückfallprävention: Der Rückfall-Effekt (AVE)

Ein zentraler Begriff in der Psychologie ist der Abstinence Violation Effect (AVE). Er beschreibt die Reaktion auf einen einmaligen Ausrutscher:

  • Wenn der Ausrutscher als totales Scheitern gewertet wird (Schuldgefühle, Scham), führt dies meist zum kompletten Rückfall.
  • Ziel der Therapie ist es, einen Ausrutscher als „Vorfall“ (Lernchance) statt als „Rückfall“ zu bewerten, um die Abstinenz schnell wieder aufnehmen zu können.

Abstinenz vs. Kontrolliertes Trinken

In der modernen Suchthilfe wird diskutiert, ob Abstinenz immer das Ziel sein muss.

  • Totale Abstinenz:
    Oft notwendig bei fortgeschrittener Abhängigkeit, da das Kontrollsystem im Gehirn dauerhaft geschädigt ist.
  • Kontrolliertes Trinken/Konsumieren:
    Ein moderater, regelgeleiteter Konsum kann für Personen in frühen Stadien ein realistischeres Ziel sein und den Einstieg in die Therapie erleichtern.

Zusammenfassung

KonzeptBedeutungPsychologisches Ziel
Soll-ZustandDauerhafter VerzichtWiederherstellung der Autonomie
SelbstwirksamkeitGlaube an eigene KraftBewältigung von Craving-Momenten
Trigger-ManagementReize erkennen & meidenVermeidung von Rückfallsituationen

Zusammenfassung 

Abstinenz in der Suchtpsychologie ist der Prozess des dauerhaften Verzichts auf Suchtmittel, um die durch die Abhängigkeit beeinträchtigte Selbstregulation und neuronale Belohnungsstruktur wiederherzustellen. Dabei ist die psychologische Rückfallprävention entscheidend, die Ausrutscher als korrigierbare Lernmomente begreift, statt als endgültiges Scheitern der Identität.