Ich-Störung

Unter einer Ich-Störung (engl.: ego-disorder oder auch disturbances of the self) versteht man in der Psychologie und Psychiatrie eine Beeinträchtigung der Erlebnisweise, bei der die Grenze zwischen dem „Ich“ und der Umwelt durchlässig wird oder verloren geht.

Normalerweise erleben wir uns als Urheber unserer eigenen Gedanken, Gefühle und Handlungen. Bei einer Ich-Störung ist diese Gewissheit gestört – das eigene Selbst fühlt sich fremd, verändert oder von außen gesteuert an.

Die zwei Hauptkategorien

Ich-Störungen werden im klinischen Alltag (z. B. im AMDP-System) meist in zwei Bereiche unterteilt:

Depersonalisations– und Derealisationseinphänomene

Hierbei geht es um ein Gefühl der Fremdheit, ohne dass unbedingt eine „fremde Macht“ im Spiel ist.

  • Depersonalisation:
    Die eigene Person, der Körper oder Teile davon werden als fremd, unwirklich oder „wie ferngesteuert“ erlebt (z. B. „Ich stehe neben mir“).
  • Derealisation:
    Die Umgebung erscheint unwirklich, künstlich, wie in einem Film oder hinter einer Glaswand.

Störungen der Ich-Umwelt-Grenze (Fremdbeeinflussung)

Diese Formen treten häufig im Rahmen von Psychosen (z. B. Schizophrenie) auf. Betroffene haben das Gefühl, dass ihre mentalen Prozesse nicht mehr ihnen allein gehören:

  • Gedankenausbreitung:
    Das Gefühl, dass andere die eigenen Gedanken im Moment des Denkens mitlesen oder hören können.
  • Gedankenentzug:
    Das Gefühl, dass eine äußere Kraft die Gedanken aus dem Kopf „wegnimmt“, sodass Leere entsteht.
  • Gedankeneingebung:
    Die Überzeugung, dass die eigenen Gedanken von außen (z. B. durch Strahlung, Gott oder Telepathie) „eingepflanzt“ wurden.
  • Fremdbeeinflussungserlebnisse:
    Das Gefühl, dass Bewegungen, Handlungen oder Gefühle von einer fremden Macht gesteuert werden.

Abgrenzung: Ich-Störung vs. Wahn

Obwohl beides oft zusammen auftritt, gibt es einen feinen Unterschied:

  • Die Ich-Störung beschreibt das unmittelbare Erleben (z. B. „Der Arm bewegt sich nicht durch mich“).
  • Der Wahn ist die Interpretation dieses Erlebens (z. B. „Mein Nachbar steuert meinen Arm mit einer Fernbedienung“).

Ursachen und Vorkommen

Ich-Störungen sind keine eigenständige Krankheit, sondern ein Symptom, das bei verschiedenen Diagnosen vorkommen kann:

Behandlung

Da die Ich-Störung ein Symptom ist, richtet sich die Therapie nach der Grunderkrankung:

  1. Medikamentös:
    Antipsychotika können helfen, die Ich-Umwelt-Grenzen wieder zu stabilisieren.
  2. Psychotherapeutisch:
    In der Verhaltenstherapie lernt man, die Symptome einzuordnen und Ängste abzubauen. Bei Traumata steht die Integration der abgespaltenen Erlebnisse im Vordergrund.