Antipsychotika (Neuroleptika)
Antipsychotika (früher oft als Neuroleptika bezeichnet) sind Medikamente, die primär zur Behandlung von psychotischen Symptomen wie Wahnvorstellungen, Halluzinationen oder schweren Denkstörungen eingesetzt werden. Sie entfalten ihre Wirkung vor allem durch die Beeinflussung der Botenstoffe im Gehirn, insbesondere des Dopamins.
Wirkmechanismus: Die Dopamin-Hypothese
Die meisten Antipsychotika wirken als Antagonisten an den Dopamin-Rezeptoren (speziell am D2-Rezeptor). Bei einer Psychose geht man von einer Überaktivität von Dopamin in bestimmten Hirnarealen (dem mesolimbischen System) aus.
- Blockade:
Die Medikamente besetzen die Rezeptoren, sodass das überschüssige Dopamin nicht mehr andocken kann. - Folge:
Die „Filterfunktion“ des Gehirns wird wiederhergestellt. Reize werden nicht mehr als übermäßig bedeutsam oder bedrohlich (Wahnwahrnehmung) erlebt, und die Reizüberflutung nimmt ab.
Einteilung der Antipsychotika
Man unterscheidet heute hauptsächlich zwei Generationen, die sich in ihrem Nebenwirkungsprofil deutlich unterscheiden:
Typische Antipsychotika (1. Generation)
Diese älteren Medikamente (z. B. Haloperidol) wirken sehr stark auf das Dopamin-System.
- Vorteil:
Hochwirksam gegen positive Symptome (Halluzinationen, Wahn). - Nachteil:
Sie verursachen häufig sogenannte extrapyramidal-motorische Symptome (EPMS). Das sind Bewegungsstörungen, die an Parkinson erinnern (Zittern, Muskelsteifigkeit).
Atypische Antipsychotika (2. Generation)
Modernere Wirkstoffe (z. B. Risperidon, Quetiapin, Olanzapin) beeinflussen neben Dopamin auch andere Botenstoffe wie Serotonin.
- Vorteil:
Deutlich geringeres Risiko für Bewegungsstörungen. Sie wirken oft auch besser gegen „Negativsymptome“ wie Antriebslosigkeit oder sozialen Rückzug. - Nachteil:
Sie können Stoffwechselveränderungen hervorrufen (Gewichtszunahme, Erhöhung der Blutzucker- oder Fettwerte).
Anwendungsgebiete
Obwohl der Name auf Psychosen hindeutet, ist das Einsatzspektrum breit gefächert:
- Schizophrenie & schizoaffektive Störungen:
Zur Akutbehandlung und Rückfallprophylaxe. - Bipolare Störung:
Vor allem in manischen Phasen zur Beruhigung und Stimmungsstabilisierung. - Schwere Depressionen:
Als Zusatzmedikation (Augmentation), wenn Antidepressiva allein nicht ausreichen oder psychotische Merkmale auftreten. - Gerontopsychiatrie:
In niedriger Dosierung bei starker Unruhe oder Aggressivität im Rahmen einer Demenz (off-label).
Wichtige Nebenwirkungen und Risiken
Die Wahl des Medikaments ist immer eine Abwägung zwischen Wirkung und Verträglichkeit.
| Nebenwirkungstyp | Beschreibung | Häufigkeit/Ursache |
| EPMS | Frühkinesien (Zungen-Schlund-Krämpfe), Parkinsonoid oder Akathisie (Sitzunruhe). | Vor allem bei typischen Antipsychotika. |
| Metabolische Syndrome | Starke Gewichtszunahme, gesteigerter Appetit, Risiko für Diabetes. | Häufig bei bestimmten Atypika (z. B. Olanzapin). |
| Sedierung | Müdigkeit und Benommenheit (oft zu Beginn der Therapie erwünscht). | Wirkstoffabhängig (z. B. stark bei Quetiapin oder Clozapin). |
| Prolaktinerhöhung | Kann zu Zyklusstörungen oder Brustwachstum führen. | Durch die Dopaminblockade in der Hypophyse. |
Besonderheit: Clozapin
Clozapin gilt als das wirksamste Antipsychotikum, wird aber meist erst eingesetzt, wenn andere Mittel versagt haben (therapieresistente Schizophrenie). Es hat ein spezielles Risiko für eine Agranulozytose (starker Abfall der weißen Blutkörperchen), weshalb unter Clozapin regelmäßige Blutbildkontrollen zwingend erforderlich sind.
Wichtiger Hinweis: Antipsychotika machen im Gegensatz zu Benzodiazepinen nicht körperlich abhängig. Ein plötzliches Absetzen kann jedoch zu Absetzphänomenen oder einem schnellen Rückfall führen, weshalb sie immer ausschleichend und unter ärztlicher Aufsicht abgesetzt werden sollten.