Prävention
In der Psychologie befasst sich die Prävention (prevention) mit allen Maßnahmen, die darauf abzielen, die Entstehung psychischer Störungen zu verhindern, ihr Auftreten zu verzögern oder deren Auswirkungen zu minimieren. Dabei verschiebt sich der Fokus weg von der reinen Heilung (Kurative Ansätze) hin zur proaktiven Förderung der psychischen Gesundheit.
Das Feld der Prävention wird heute meist nach zwei Systematiken unterteilt: dem klassischen Modell nach dem Zeitpunkt und dem modernen Modell nach der Zielgruppe.
Klassische Einteilung nach dem Zeitpunkt (Caplan)
Diese Einteilung nach Gerald Caplan orientiert sich daran, in welchem Stadium sich eine mögliche Erkrankung befindet.
- Primärprävention:
Sie setzt ein, bevor eine Störung überhaupt auftritt. Das Ziel ist die Senkung der Neuerkrankungsrate (Inzidenz).- Beispiel: Stressmanagement-Kurse für gesunde Arbeitnehmer oder Resilienztraining in Kindergärten.
- Sekundärprävention:
Sie zielt auf die Früherkennung und Frühintervention ab. Es bestehen oft schon erste Symptome oder Risikofaktoren, aber noch keine voll ausgeprägte klinische Störung. Das Ziel ist die Senkung der Häufigkeit (Prävalenz) durch Zeitgewinn.- Beispiel: Krisenintervention nach belastenden Lebensereignissen oder Screening-Programme auf Depression bei Hausarztbesuchen.
- Tertiärprävention:
Sie findet statt, wenn eine Erkrankung bereits manifest ist. Das Ziel ist die Vermeidung von Rückfällen (Rezidivprophylaxe), die Milderung von Folgeschäden und die soziale Wiedereingliederung.- Beispiel: Rehabilitationsmaßnahmen nach einer stationären Psychotherapie oder Selbsthilfegruppen für Suchterkrankte.
Moderne Einteilung nach Zielgruppen (Gordon/IOM)
Das Institute of Medicine (IOM) verwendet eine differenziertere Klassifikation, die besonders in der Forschung verbreitet ist:
- Universelle Prävention:
Richtet sich an die gesamte Bevölkerung oder eine große Gruppe, unabhängig von ihrem individuellen Risiko.- Fokus: Allgemeine Aufklärungskampagnen (z. B. zur Suizidprävention).
- Selektive Prävention:
Richtet sich an Untergruppen, die ein deutlich erhöhtes biologisches, psychologisches oder soziales Risiko für eine Störung aufweisen.- Fokus: Kinder von psychisch kranken Eltern oder Menschen in akuten Scheidungssituationen.
- Indizierte Prävention:
Richtet sich an Individuen, die bereits prodromale (frühe) Anzeichen einer Störung zeigen, aber die diagnostischen Kriterien noch nicht voll erfüllen.- Fokus: Jugendliche mit beginnendem problematischem Alkoholkonsum, der noch keine Abhängigkeit ist.
Die zwei Strategien: Verhaltens- vs. Verhältnisprävention
In der praktischen Umsetzung unterscheidet man, wo die Veränderung ansetzen soll:
| Strategie | Fokus | Beispiele |
| Verhaltensprävention | Das Individuum (Person) | Training sozialer Kompetenzen, Erlernen von Entspannungstechniken (PMR), Psychoedukation. |
| Verhältnisprävention | Die Umwelt (Kontext) | Verbesserung der Arbeitsbedingungen, Lärmschutz, Gestaltung von Wohnraum, Gesetzliche Regelungen (z. B. Jugendschutz). |
Zentrale Wirkmechanismen: Risikofaktoren und Schutzfaktoren
Die moderne Präventionsforschung basiert auf dem Modell der Risiko– und Schutzfaktoren. Prävention ist dann erfolgreich, wenn sie:
- Risikofaktoren minimiert:
z. B. Reduktion von chronischem Stress, Armut oder sozialer Isolation. - Schutzfaktoren stärkt:
Hier kommen Konzepte wie Resilienz (psychische Widerstandsfähigkeit), Selbstwirksamkeitserwartung und soziale Unterstützung ins Spiel.
Bezug zur Salutogenese
Prävention ist eng mit der Salutogenese von Aaron Antonovsky verknüpft. Während die klassische Prävention oft noch von der Krankheit her denkt (was muss verhindert werden?), fragt die Salutogenese: „Was hält den Menschen gesund?“. Ein starker Kohärenzsinn (Verstehbarkeit, Handhabbarkeit, Sinnhaftigkeit) gilt dabei als der ultimative Schutzfaktor, den präventive Maßnahmen fördern sollten.
Zusammenfassung
Prävention in der Psychologie umfasst alle zielgerichteten Maßnahmen zur Verhinderung, Früherkennung oder Abmilderung psychischer Störungen durch die Beeinflussung von Risiko– und Schutzfaktoren. Sie unterscheidet dabei zwischen dem Ansatz am Individuum (Verhaltensprävention) und der Gestaltung gesundheitsförderlicher Lebensumfelder (Verhältnisprävention).