Dereflexion

Die Dereflexion (engl. dereflection) ist eine der zentralen Behandlungstechniken der Logotherapie nach Viktor E. Frankl. Sie ist das Gegenstück zur „Hyperreflexion“ (einer übermäßigen Selbstbeobachtung) und zielt darauf ab, die Aufmerksamkeit von einem Problem oder einem Symptom weg auf etwas Sinnvolles im Außen zu lenken.

Das Problem: Die Hyperreflexion

Viele psychische Probleme entstehen oder verschlimmern sich, weil wir uns zu intensiv mit uns selbst beschäftigen.

  • Beispiel Schlafstörung:
    Je mehr man sich darauf konzentriert, unbedingt einschlafen zu wollen, desto wacher wird man.
  • Beispiel sexuelle Funktionsstörung:
    Je mehr man die eigene „Leistung“ beobachtet, desto eher blockiert der Körper.
  • Beispiel soziale Angst:
    Je mehr man darauf achtet, ob man rot wird oder zittert, desto stärker treten diese Symptome auf.

Frankl nannte dies einen „Teufelskreis“: Die übermäßige Aufmerksamkeit (Hyperreflexion) führt zu einer Verkrampfung, die das Symptom erst recht auslöst.

Die Lösung: Die Dereflexion

Bei der Dereflexion geht es darum, die Selbstvergessenheit wiederzuerlangen. Der Patient lernt, den Blick von seinem Leiden oder seinem „Ich“ abzuwenden und sich stattdessen auf eine Aufgabe, eine andere Person oder einen Sinnwert auszurichten.

Der Grundgedanke ist: Glück und Gesundheit sind Nebenprodukte einer sinnvollen Tätigkeit. Wenn man sie direkt erzwingen will (durch Beobachtung), verschwinden sie.

„Sinn ist wie die Pupille: Man sieht den Sinn nicht, man sieht durch ihn.“ (Viktor Frankl)

Wie funktioniert Dereflexion in der Praxis?

Die Technik nutzt die menschliche Fähigkeit zur Selbsttranszendenz – also die Fähigkeit, über sich selbst hinauszuwachsen.

  1. Ignorieren des Symptoms:
    Der Klient lernt, das Symptom (z.B. das Herzrasen oder die Schlaflosigkeit) als „hintergründiges Rauschen“ zu akzeptieren, statt dagegen anzukämpfen.
  2. Fokus-Wechsel:
    Die Aufmerksamkeit wird aktiv auf etwas im Außen gerichtet.

    • Beim Musizieren:
      Nicht auf die Fingerstellung achten, sondern auf den Ausdruck des Stücks.
    • Im Gespräch:
      Nicht darauf achten, wie man wirkt, sondern darauf, was das Gegenüber gerade erzählt.
  3. Werte-Orientierung:
    Man fragt sich: „Was in meiner Umgebung braucht mich gerade?“ oder „Wofür lohnt es sich heute, aufzustehen, trotz meiner Angst?“

Abgrenzung zur Ablenkung

Es ist wichtig, Dereflexion nicht mit banaler Ablenkung zu verwechseln.

  • Ablenkung ist oft eine Flucht vor dem Schmerz.
  • Dereflexion ist eine bewusste Hinwendung zu einem Sinn. Es geht nicht darum, das Problem zu verdrängen, sondern es durch die Konzentration auf eine wichtigere Aufgabe in den Hintergrund treten zu lassen.

Anwendungsbereiche

Zusammenfassend lässt sich sagen: Dereflexion ist die Kunst, sich selbst nicht mehr so wichtig zu nehmen, um für die Welt und ihre Möglichkeiten wieder frei zu werden.