Kurzzeitgedächtnis (KZG)

Das Kurzzeitgedächtnis (KZG, engl. short-term memory, STM) fungiert in der Psychologie als eine Art „Zwischenspeicher“ unseres Bewusstseins. Es hält Informationen für einen kurzen Zeitraum (meist Sekunden bis wenige Minuten) bereit, damit wir sie entweder sofort verarbeiten oder ins Langzeitgedächtnis überführen können.

In der modernen Forschung wird es oft synonym mit dem Arbeitsgedächtnis verwendet, obwohl es theoretisch feine Unterschiede gibt (das KZG speichert eher passiv, während das Arbeitsgedächtnis aktiv manipuliert).

Zentrale Merkmale des KZG

Das Kurzzeitgedächtnis zeichnet sich durch zwei Hauptmerkmale aus: begrenzte Dauer und begrenzte Kapazität.

Die Kapazität (Die magische Zahl 7)

Der Psychologe George A. Miller stellte 1956 fest, dass das KZG etwa 7 ± 2 Informationseinheiten gleichzeitig halten kann.

  • Chunking:
    Wir können diese Grenze austricksen, indem wir Einzelinfos zu größeren Einheiten (Chunks) zusammenfassen.

    • Beispiel: Die Zahlenfolge 1 9 9 0 belegt vier Plätze. Als Jahreszahl 1990 belegt sie nur noch einen.

Die Dauer

Ohne aktive Wiederholung (Rehearsal) verschwinden Informationen nach etwa 15 bis 30 Sekunden. Durch inneres Vorsprechen kann diese Zeit beliebig verlängert werden.

Das Arbeitsgedächtnis-Modell (Baddeley)

Eines der einflussreichsten Modelle stammt von Alan Baddeley. Er sieht das Kurzzeitgedächtnis nicht als starre Box, sondern als ein System aus mehreren Komponenten:

    1. Zentrale Exekutive:
      Die „Schaltzentrale“. Sie steuert die Aufmerksamkeit und koordiniert die anderen Subsysteme.
    2. Phonologische Schleife:
      Ein Speicher für sprachliche Informationen (das „innere Nachsprechen“ von Telefonnummern).
    3. Visuospatialer Notizblock:
      Zuständig für visuelle und räumliche Informationen (z. B. den Weg in Gedanken abgehen).
    4. Episodischer Puffer:
      Verknüpft Informationen aus den Teilsystemen zu ganzheitlichen Episoden und schlägt die Brücke zum Langzeitgedächtnis.

Warum wir Dinge aus dem KZG vergessen

Das Vergessen im Kurzzeitgedächtnis geschieht meist durch zwei Prozesse:

  • Zerfall (Decay):
    Die Gedächtnisspur verblasst einfach mit der Zeit, wenn sie nicht aufgefrischt wird.
  • Verdrängung (Interferenz):
    Da der Speicherplatz begrenzt ist, werfen neue Informationen die alten einfach „raus“. Wenn du dir eine Nummer merkst und dich jemand plötzlich etwas fragt, ist die Nummer oft weg.

Vergleich der Gedächtnissysteme

MerkmalUltrakurzzeit (Sensorisch)Kurzzeit (Arbeitsgedächtnis)Langzeitgedächtnis
DauerMillisekunden bis Sekundenca. 20 SekundenMinuten bis lebenslang
KapazitätGroß (alle Sinnesreize)Sehr begrenzt (7 ± 2)Nahezu unbegrenzt
VerlustgrundZeitlicher ZerfallÜberlagerung / ZerfallAbrufstörung / Interferenz