Entzugserscheinungen
Der Begriff Entzugserscheinungen (engl. withdrawal symptoms) beschreibt in der Psychologie und Psychiatrie die Gesamtheit der körperlichen und psychischen Symptome, die auftreten, wenn eine psychoaktive Substanz oder ein bestimmtes Verhalten, von dem eine Abhängigkeit besteht, reduziert oder vollständig abgesetzt wird.
In der klinischen Psychologie wird dieses Phänomen als Entzugssyndrom (engl. withdrawal syndrome) bezeichnet. Es ist ein Kernkriterium für die Diagnose einer Abhängigkeitserkrankung nach ICD-10 (F1x.3) bzw. ICD-11 und DSM-5.
Die psychologischen Mechanismen
Die Entstehung von Entzugserscheinungen lässt sich durch verschiedene neurobiologische und psychologische Modelle erklären:
- Homöostase und Neuroadaptation:
Das Gehirn strebt nach einem Gleichgewicht. Bei chronischem Substanzkonsum passt sich das Nervensystem an die Anwesenheit der Substanz an (z. B. durch Herunterregulierung von Rezeptoren). Fällt die Substanz weg, entsteht ein massives Ungleichgewicht, da das Gehirn nun „gegensteuert“, ohne dass der dämpfende oder stimulierende Gegenspieler vorhanden ist. - Gegner-Prozess-Theorie (Opponent-Process Theory):
Nach Richard Solomon löst jeder emotionale Reiz (A-Prozess, z. B. Euphorie durch Droge) eine entgegengesetzte Reaktion aus (B-Prozess, z. B. Niedergeschlagenheit). Bei Sucht wird der B-Prozess immer stärker und hält länger an, was die typischen Entzugssymptome befeuert. - Klassische Konditionierung:
Psychische Entzugssymptome können durch Reize in der Umwelt (Trigger) ausgelöst werden, die mit dem Konsum assoziiert sind. Dies führt zum sogenannten Craving (Substanzverlangen).
Erscheinungsformen des Entzugs
Man unterscheidet grundsätzlich zwischen der körperlichen und der psychischen Ebene, wobei diese in der Realität eng miteinander verwoben sind.
Psychische Symptome
Diese halten oft deutlich länger an als die körperliche Akutphase und sind häufig der Grund für Rückfälle:
- Dysphorie und Depression:
Ein tiefer Zustand der Freudlosigkeit (Anhedonie), da das Belohnungssystem ohne die Substanz kaum noch Dopamin ausschüttet. - Angstzustände und Reizbarkeit:
Eine stark herabgesetzte Stresstoleranz und innere Unruhe. - Schlafstörungen:
Massive Insomnie oder lebhafte, oft beängstigende Träume. - Kognitive Beeinträchtigungen:
Konzentrationsschwierigkeiten und Gedächtnislücken.
Körperliche Symptome
Je nach Substanzklasse variieren diese stark:
- Alkohol/Benzodiazepine:
Zittern (Tremor), Schwitzen, Übelkeit, im Extremfall Krampfanfälle oder ein Delirium tremens. - Opiate:
Starke Schmerzen, grippeähnliche Symptome, Durchfall. - Stimulanzien (Kokain/Amphetamine):
Vorwiegend psychischer Entzug mit extremer Erschöpfung („Crash“) und Heißhunger.
Zeitlicher Verlauf und Sonderformen
| Phase | Beschreibung |
| Akuter Entzug | Die unmittelbare Reaktion des Körpers, meist über Tage bis wenige Wochen. |
| Protrahierter Entzug | Psychische Symptome (Labilität, Schlafstörungen), die Monate oder sogar Jahre nach der letzten Einnahme anhalten können. |
| Rebound-Effekt | Das verstärkte Wiederauftreten genau jener Symptome, die durch das Medikament/die Substanz unterdrückt wurden (z. B. extreme Schlaflosigkeit nach Absetzen von Schlafmitteln). |
Verhaltensbezogener Entzug
Moderne psychologische Forschung zeigt, dass auch Verhaltenssüchte (z. B. Glücksspiel, Gaming, soziale Medien) beim Absetzen echte Entzugserscheinungen hervorrufen. Da hier keine chemische Substanz von außen zugeführt wird, sind die Symptome primär psychischer Natur (Reizbarkeit, Nervosität, obsessives Denken an die Tätigkeit), basieren aber auf denselben neurobiologischen Veränderungen im dopaminergen Belohnungssystem.
Therapeutische Relevanz
Die Psychologie spielt eine entscheidende Rolle bei der Bewältigung:
- Motivierende Gesprächsführung:
Um die Ambivalenz gegenüber dem Entzug zu überwinden. - Rückfallprophylaxe:
Erlernen von Bewältigungsstrategien (Coping), um mit psychischen Entzugssymptomen und Trigger-Situationen umzugehen. - Substitution:
Gelegentlich werden medikamentöse Hilfen eingesetzt, um die Spitzen des Entzugs abzumildern, damit eine psychotherapeutische Arbeit überhaupt erst möglich wird.
Wichtiger Hinweis: Ein körperlicher Entzug (insbesondere bei Alkohol oder Benzodiazepinen) kann lebensgefährlich sein und sollte unter ärztlicher Aufsicht erfolgen.