Aufmerksamkeitsstörungen
In der Psychologie wird Aufmerksamkeit nicht als einheitliches Konstrukt, sondern als ein komplexes Gefüge verschiedener Teilfunktionen betrachtet. Eine Aufmerksamkeitsstörung (engl. attention deficit disorder, ADD) liegt vor, wenn die Fähigkeit beeinträchtigt ist, Reize aus der Umwelt oder interne Prozesse (Gedanken, Gefühle) selektiv zu fokussieren, die Konzentration über einen längeren Zeitraum aufrechtzuerhalten oder flexibel zwischen verschiedenen Aufgaben zu wechseln.
Die Facetten der Aufmerksamkeit (nach Sturm)
Um eine Störung genau zu klassifizieren, unterscheidet die klinische Psychologie und Neuropsychologie meist zwischen verschiedenen Dimensionen der Aufmerksamkeit:
- Alertness (Wachheit/Aktivierung):
Die grundlegende Bereitschaft des Organismus, auf Reize zu reagieren (tonische vs. phasische Alertness). - Selektive Aufmerksamkeit (Fokussierung):
Die Fähigkeit, relevante Informationen auszuwählen und irrelevante Störreize (Distraktoren) auszublenden (der klassische „Cocktailparty-Effekt“). - Geteilte Aufmerksamkeit (Divided Attention):
Die Kapazität, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu bearbeiten oder verschiedene Reizquellen simultan zu überwachen. - Daueraufmerksamkeit & Vigilanz:
Die Aufrechterhaltung des Fokus über lange Zeiträume bei hoher Reizdichte (Daueraufmerksamkeit) oder bei sehr monotonen Bedingungen mit geringer Reizdichte (Vigilanz).
Klinische Erscheinungsformen
Aufmerksamkeitsstörungen treten in unterschiedlichen Kontexten auf und sind oft Leitsymptome verschiedener psychischer und neurologischer Erkrankungen:
1. ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung)
Die bekannteste Form, die sich durch eine Kombination aus Unaufmerksamkeit, Impulsivität und (teils) Hyperaktivität auszeichnet. Betroffene haben massive Schwierigkeiten mit der Selbstregulation und der Priorisierung von Handlungsabläufen.
2. Neuropsychologische Defizite nach Hirnschädigung
Nach einem Schädel-Hirn-Trauma oder Schlaganfall treten oft spezifische Ausfälle auf, wie etwa:
- Neglect:
Die halbseitige Vernachlässigung des Raumes (oft nach Läsionen der rechten Hemisphäre). - Verlangsamung der Informationsverarbeitung:
Eine reduzierte Verarbeitungsgeschwindigkeit, die alle anderen kognitiven Prozesse beeinträchtigt.
3. Symptom im Rahmen anderer psychischer Störungen
- Depression:
Oft leiden Patienten unter „Pseudodemenz“-Symptomen; die Einengung des Denkens und Grübeln binden so viel kognitive Kapazität, dass die Aufmerksamkeit für die Außenwelt sinkt. - Angststörungen:
Eine Hypervigilanz (übermäßige Wachsamkeit) gegenüber potenziellen Bedrohungen führt zur Ablenkbarkeit von alltäglichen Aufgaben. - Schizophrenie:
Hier zeigen sich oft fundamentale Störungen der Filterprozesse (Reizüberflutung).
Diagnostik und Erfassung
Um eine Aufmerksamkeitsstörung von normaler Müdigkeit oder Stress abzugrenzen, nutzt die Psychologie objektive Testverfahren:
- Continuous Performance Tests (CPT):
Aufgaben, bei denen über längere Zeit auf bestimmte Zielreize reagiert werden muss (z. B. der d2-R Test). - Go/No-Go-Aufgaben:
Messung der Inhibitionsfähigkeit (Unterdrückung einer Reaktion). - Computergestützte Verfahren (z. B. TAP):
Ermöglichen die millisekundengenaue Messung von Reaktionszeiten und deren Variabilität.
Therapeutische Ansätze
Die Behandlung richtet sich stark nach der Ursache der Störung:
- Kognitives Training:
Gezieltes Üben der betroffenen Teilfunktionen am Computer (z. B. Steigerung der Vigilanz oder der Selektionsleistung). - Psychoedukation & Strategietraining:
Erlernen von Kompensationsmechanismen (z. B. Checklisten, Strukturierung des Arbeitsplatzes, Vermeidung von Multitasking). - Medikamentöse Therapie:
Bei ADHS oft Einsatz von Stimulanzien (z. B. Methylphenidat), um die neuronale Übertragung (Dopamin/Noradrenalin) zu regulieren. - Achtsamkeitsbasierte Verfahren (MBSR):
Zur Verbesserung der bewussten Steuerung des Aufmerksamkeitsfokus und der Reduktion von Impulsivität.