Allgemeines Anpassungssyndrom (AAS)
Das Allgemeine Anpassungssyndrom (AAS) ist ein klassisches Konzept aus der Stressforschung, das 1936 vom österreichisch-kanadischen Endokrinologen Hans Selye (1907–1982) entwickelt wurde. Es beschreibt die universelle, unspezifische physiologische Reaktion des Körpers auf dauerhaften Stress. (Selye nannte diese Stressoren).
Selye beobachtete, dass derKörper unabhängig von der Art des Stressors (Kälte, Hitze, Infektion, psychischer Druck) immer mit derselben Abfolge von körperlichen Veränderungen reagiert.
Die drei Phasen des AAS
Das Syndrom beschreibt den zeitlichen Verlauf der körperlichen Stressreaktion in drei aufeinanderfolgenden Phasen:
Phase 1: Alarmreaktion (Schock und Gegenschock)
Dies ist die unmittelbare Reaktion auf den Stressor:
- Schockphase:
Der Körper ist kurzfristig geschwächt, der Blutdruck sinkt, die Körpertemperatur fällt. Dies hält nur kurz an. - Gegenschockphase:
Die Sympathikus-Nebennierenmark-Achse wird aktiviert. Es kommt zur sofortigen Ausschüttung von Adrenalin und Noradrenalin.- Folge:
Erhöhung von Herzfrequenz und Blutdruck, Mobilisierung von Energiereserven (Glukose), Fokussierung der Aufmerksamkeit. Der Körper ist bereit für Kampf oder Flucht.
- Folge:
Phase 2: Widerstandsphase (Resistenz)
Wenn der Stressor anhält, versucht der Körper, sich anzupassen und ihn zu bewältigen:
- HPA-Achse wird dominant:
Die Hypothalamus–Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse) wird aktiviert und führt zur chronisch erhöhten Ausschüttung von Cortisol. - Anpassung:
Die anfänglichen Alarm-Symptome verschwinden scheinbar, und der Körper scheint wieder normal zu funktionieren. Die Energie wird jedoch hochgefahren, um den Stressor langfristig zu bekämpfen. - Problem:
Während dieser Phase ist der Körper besonders anfällig für neue, unvorhergesehene Stressoren, da die Energiereserven bereits gebunden sind. Dies ist die typische Phase des chronischen Stresses.
Phase 3: Erschöpfungsphase (Exhaustion)
Wenn die Widerstandsphase zu lange andauert und die Stressoren nicht abklingen, bricht das System zusammen:
- Ressourcenmangel:
Die körperlichen Energiereserven (insbesondere die der Nebennierenrinde zur Cortisolproduktion) sind weitgehend aufgebraucht. Die Fähigkeit zur Anpassung sinkt dramatisch. - Zusammenbruch:
Der Körper kann die normalen Funktionen nicht mehr aufrechterhalten. Es kommt zu einer Rückkehr der Alarm-Symptome, aber ohne die Fähigkeit zur Gegenwehr. - Folge:
Erhöhte Anfälligkeit für schwere körperliche Erkrankungen (Geschwüre, Bluthochdruck, Herzerkrankungen) und psychische Störungen (Depression, Angststörung). Die Erschöpfungsphase ist eng mit dem Phänomen Burnout verwandt.
Bedeutung und Kritik
Bedeutung
- Selye etablierte den Begriff Stress wissenschaftlich und zeigte, dass psychische Belastung zu messbaren physiologischen Veränderungen führt.
- Das Modell liefert eine klare Erklärung für die Langzeitfolgen von chronischem Stress und die Entstehung von psychosomatischen Erkrankungen.
Kritik
- Zu unspezifisch:
Kritiker bemängeln, dass Selye die psychologische Rolle der Bewertung des Stressors (ob er als Bedrohung oder Herausforderung wahrgenommen wird) ignoriert. Das Transaktionale Stressmodell nach Lazarus ist hier präziser. - Fehlende kognitive Komponente:
Selye fokussierte fast ausschließlich auf die physiologische Reaktion, vernachlässigte jedoch die individuellen Bewältigungsstrategien (Coping) und die Rolle des Gehirns. Zu seiner Entlastung muss allerdings angemerkt werden, dass er sein Modell vor der „Kognitiven Wende“ der Psychologie entwickelte, die erst die Bedeutung der kognitiven Komponenten am psychischen Geschehen erkannte.