Narzissmus
Narzissmus ist ein vielschichtiges Konzept, das sowohl ein normales Persönlichkeitsmerkmal als auch eine schwere psychische Störung (die Narzisstische Persönlichkeitsstörung, NPS) beschreibt. Es geht im Kern um die Regulierung des Selbstwertgefühls und die Beziehung zur eigenen Grandiosität.
Gesunder vs. Pathologischer Narzissmus
Ein gewisses Maß an narzisstischen Zügen ist adaptiv (gesund) und notwendig für ein stabiles Selbstvertrauen, Zielstrebigkeit und Durchsetzungsvermögen. Pathologischer Narzissmus hingegen ist unflexibel und beeinträchtigt die Beziehungsfähigkeit.
| Dimension | Gesunder Narzissmus | Pathologischer Narzissmus (NPS) |
| Selbstwertgefühl | Stabil, intern verankert, realistisch. | Fragil, muss extern durch Bewunderung aufrechterhalten werden. |
| Grandiosität | Realistische Ambitionen, Selbstsicherheit. | Exzessiv, übertrieben, Fantasien von Allmacht und unbegrenztem Erfolg. |
| Empathie | Vorhanden; Fähigkeit zur Perspektivübernahme. | Mangelhaft oder fehlend; Ausnutzung anderer zur eigenen Zielerreichung. |
| Kritik | Wird verarbeitet und kann zu Anpassung führen. | Löst narzisstische Wut oder Depression aus (narzisstische Verletzung). |
Die Zwei Gesichter des Narzissmus (Subtypen)
In der Forschung unterscheidet man heute vor allem zwei Typen, die jedoch auch bei der Narzisstischen Persönlichkeitsstörung (NPS) auftreten können:
1. Grandioser (Offener) Narzissmus
- Charakteristika:
Extrovertiert, dominant, selbstsicher, arrogant, strebt offen nach Macht und Aufmerksamkeit. Sie fühlen sich überlegen und sind wenig ängstlich. - Selbstbild:
Stabil überhöht. - Klinische Verbindung:
Korreliert stärker mit der formalen Diagnose NPS.
2. Vulnerabler (Verdeckter) Narzissmus
- Charakteristika:
Introvertiert, hypersensibel gegenüber Kritik, leicht verletzbar, ängstlich. Ihre Grandiosität äußert sich oft in Passivität oder dem Gefühl, nicht verstanden zu werden (innere Opferrolle). - Selbstbild:
Sehr fragil, wechselt zwischen Überhöhung und massivem Minderwertigkeitsgefühl. - Klinische Verbindung:
Oft schwieriger zu diagnostizieren, da die Symptome Depressionen oder Angst ähneln.
Psychodynamische Erklärung (Narzisstische Wunde)
Tiefenpsychologisch wird die NPS als Folge einer gestörten frühkindlichen Selbstentwicklung verstanden.
- Kernselbst:
Das innere, wahre Selbst bleibt fragil und unreif (die narzisstische Wunde). - Kompensation:
Zum Schutz gegen diese innere Schwäche wird ein „Falsches Selbst“ (die grandiose Fassade) aufgebaut. - Narzisstische Zufuhr (Supply):
Das exzessive Bedürfnis nach Bewunderung dient als ständiger emotionaler Treibstoff von außen, um die grandiose Fassade aufrechtzuerhalten und das Gefühl der inneren Leere und Scham zu kompensieren.
Die Kognitive Erklärung: Störung der Selbstwertregulation
Während psychoanalytische Ansätze den Fokus auf frühkindliche Traumata legen, erklären Kognitive Psychologie und Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) Narzissmus primär durch dysfunktionale Kognitionen (Gedankenmuster) und Verhaltensstrategien, die zur Aufrechterhaltung eines fragilen Selbstwertgefühls dienen.
Die kognitive Erklärung sieht Narzissmus als eine tief verwurzelte Störung der Selbstwertregulation.
1. Kognitive Grundannahmen (Schemata)
Das Fundament des pathologischen Narzissmus sind starre, dysfunktionale kognitive Schemata über sich selbst und die Welt. Diese Schemata sind oft polarisiert und beinhalten eine tief sitzende Ambivalenz:
| Kognitive Grundannahme (Fassade) | Kognitive Grundannahme (Kern/Wunde) |
| „Ich bin überlegen und besonders.“ | „Ich bin innerlich defekt und wertlos.“ |
| „Ich habe Anspruch auf besondere Behandlung.“ | „Wenn andere mein wahres, defektes Ich sehen, werde ich abgelehnt.“ |
| „Regeln gelten nicht für mich.“ | „Meine Bedürfnisse sind unbedeutend oder lächerlich.“ |
Diese dichotome Sichtweise („alles oder nichts“) führt dazu, dass die narzisstische Person ständig zwischen einem grandiosen und einem minderwertigen Zustand pendelt.
2. Die Kompensatorischen Strategien
Um die Grundangst vor dem entwerteten Kernselbst zu managen, entwickelt die narzisstische Person starre, idysfunktionale kognitve und verhaltensbezogene Strategien:
| Strategie | Funktion |
| Grandiose Übertreibung | Überzeugung, einzigartig zu sein. Funktion: Verhindert das Aufkommen von Minderwertigkeitsgefühlen. |
| Perfektionismus und Erfolgssucht | Ständiges Streben nach äußerem Erfolg, um sich als wertvoll zu beweisen. Funktion: Externe Bestätigung (narzisstische Zufuhr) zur Stabilisierung des fragilen Selbstwertes. |
| Abwertung und Kritik | Herabsetzung anderer Menschen, sobald diese als Bedrohung wahrgenommen werden oder die eigenen Fehler aufzeigen. Funktion: Hebt das eigene Selbstwertgefühl relativ zu anderen an. |
| Externalisierung der Schuld | Misserfolge werden konsequent anderen oder den Umständen zugeschrieben. Funktion: Schützt das fragile Selbstbild vor der Zuschreibung von Fehlern. |
3. Kognitive Verzerrungen
Narzisstische Personen nutzen unbewusst spezifische kognitive Verzerrungen, um ihr überhöhtes Selbstbild aufrechtzuerhalten:
- Selektive Wahrnehmung:
Es wird nur Feedback beachtet und erinnert, das die Grandiosität bestätigt. - Bestätigungsfehler (Confirmation Bias):
Informationen, die das grandiose Selbstbild widerlegen könnten (z.B. Kritik), werden aktiv ignoriert, uminterpretiert oder als irrelevant abgetan. - Dichotomes Denken:
Alles wird in extreme Kategorien eingeteilt („Ich bin perfekt“ oder „Ich bin ein Totalversager“). Es gibt keine Graustufen.
4. Narzisstische Verletzung (Als kognitive Reaktion)
Eine narzisstische Verletzung (z.B. durch Kritik, Misserfolg oder das Ausbleiben von Bewunderung) wird kognitiv als ein direkter Beweis für die Richtigkeit der inneren, negativen Grundannahmen („Ich bin defekt“) interpretiert.
- Fehlattribution:
Die kognitive Reaktion ist nicht adäquat zur Situation (z.B. leichte Kritik), sondern entspricht der maximalen Bedrohung des Selbstwertgefühls. - Folge:
Der kognitive Einbruch in das minderwertige Schema führt zur narzisstischen Wut (als Abwehrmechanismus) oder zum Rückzug in Depression, um die kognitive Inkonsistenz zu beheben.
5. Implikationen für die Therapie
Die KVT zielt darauf ab, diese dysfunktionalen kognitiven Mechanismen zu verändern:
- Identifizierung der Schemata:
Entlarvung der zugrunde liegenden „Ist-Zustände“ des Minderwertigkeitsgefühls. - Modifikation der kognitiven Verzerrungen:
Erlernen des realistischeren (nicht nur grandiosen) Denkens und Reduzierung des dichotomen Denkens. - Strategien zur Toleranz von Kritik:
Training im Umgang mit Kritik, ohne diese sofort als globale Bedrohung zu interpretieren, um die emotionale Regulationsfähigkeit zu verbessern.
Narzissmus in Beziehungen
Narzisstische Muster führen oft zu dysfunktionalen Beziehungen:
- Objektbeziehung:
Andere Menschen werden oft nicht als eigenständige Individuen wahrgenommen, sondern als Objekte zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse (narzisstische Zufuhr). - Instrumentalisierung:
Partner, Freunde oder Kollegen werden dazu benutzt, das grandiose Selbstbild zu bestätigen (z.B. indem sie bewundert, finanziell unterstützt oder emotional versorgt werden). - Konflikt:
Die mangelnde Empathie und das Anspruchsdenken führen unweigerlich zu Konflikten, die der narzisstisch veranlagte Mensch meist durch Abwertung oder Projektion (andere für das eigene Versagen verantwortlich machen) zu lösen versucht.