Theory of Mind (ToM)

Theory of Mind (ToM), oft übersetzt als „Theorie des Geistes“ oder „Mentalisierungsfähigkeit“, ist ein Konzepte in der kognitiven, Entwicklungs- und Sozialpsychologie.

Es bezeichnet die Fähigkeit des Menschen, mentale Zustände (wie Wünsche, Absichten, Überzeugungen, Emotionen, Wissen) bei sich selbst und anderen zu erkennen, zu interpretieren und diese Zustände zur Erklärung oder Vorhersage des Verhaltens zu nutzen.

Definition und Kernkonzept

Theory of Mind ist die Fähigkeit, sich vorzustellen, dass andere Menschen einen eigenen Geist mit eigenen Gedanken und Gefühlen haben, die sich von den eigenen unterscheiden können.

  • Der Kern:
    Die Fähigkeit, „Metarepräsentationen“ zu bilden – also Repräsentationen über Repräsentationen. Man denkt darüber nach, was der andere denkt.
  • Wichtige Unterscheidung:
    ToM erlaubt es uns, zu verstehen, dass eine andere Person eine falsche Überzeugung (False Belief) haben kann, selbst wenn wir wissen, was die Realität ist.

Entwicklung der Theory of Mind

Die ToM entwickelt sich beim Menschen in typischen Schritten und ist eng mit der Sprachentwicklung und dem frontalen Kortex verknüpft.

Alter Meilenstein Beschreibung
1-2 Jahre Erste Ansätze Kinder erkennen, dass andere Wünsche haben, die sich von ihren eigenen unterscheiden (z. B. „Ich will den Ball, Mama will den Kaffee“).
3 Jahre Wissen und Wahrnehmung Kinder können verstehen, dass das, was jemand weiß, davon abhängt, was er gesehen oder erlebt hat.
4-5 Jahre False-Belief-Verständnis Dies gilt als der entscheidende Durchbruch. Das Kind versteht, dass eine andere Person eine Überzeugung haben kann, die nicht der Realität entspricht.
6-7 Jahre Second-Order-Beliefs Das Kind kann über das Denken nachdenken (z. B. „Max denkt, dass Lisa glaubt…“).

Der klassische „False-Belief“-Test (Sally-Anne-Test)

Der bekannteste Test zur Überprüfung des ToM-Durchbruchs bei 4-5-Jährigen:

  1. Szene:
    Sally legt einen Ball in ihren Korb und geht weg.
  2. Veränderung:
    Anne nimmt den Ball aus Sallys Korb und legt ihn in ihre Schachtel.
  3. Frage:
    Wo wird Sally nach ihrem Ball suchen, wenn sie zurückkommt?
  4. ToM-Fähigkeit:
    • Kinder mit ToM-Fähigkeit antworten korrekt: „Im Korb“ (weil Sally glaubt, dass der Ball noch dort ist – sie hat eine falsche Überzeugung).
    • Kinder ohne ToM-Fähigkeit (jünger als 4 oder mit Störung) antworten: „In der Schachtel“ (weil sie davon ausgehen, dass Sally weiß, was sie selbst wissen).

Theory of Mind in der Psychopathologie

Die Beeinträchtigung der Theory of Mind spielt eine Schlüsselrolle beim Verständnis verschiedener psychischer Störungen.

Autismus-Spektrum-Störungen (ASS)

  • Die Hypothese des „Mindblindness“ (Geistige Blindheit) von Simon Baron-Cohen besagt, dass Menschen mit Autismus oft eine angeborene Schwäche in der Entwicklung der ToM-Fähigkeit zeigen.
  • Dies erklärt Schwierigkeiten beim Verstehen von Ironie, Täuschung, sozialen Hinweisen und der Vorhersage des Verhaltens anderer.

Schizophrenie

  • Patienten mit Schizophrenie zeigen oft Defizite in der ToM, die sich in Wahnvorstellungen manifestieren können. Sie interpretieren neutrale oder zufällige Ereignisse fälschlicherweise als gezielte Handlungen anderer gegen sie (z. B. paranoide Wahnideen).

Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS)

  • Bei BPS liegt oft keine generelle ToM-Schwäche vor, sondern eine Überreaktion oder verzerrte Mentalisierung. Betroffene neigen dazu, die Absichten anderer fehlerhaft oder übermäßig negativ zu interpretieren, was zu intensiven Angst– und Wutreaktionen führt.

Die Rolle der ToM in der Psychotherapie

Die Fähigkeit zur Mentalisierung ist nicht nur ein diagnostisches Kriterium, sondern auch ein wichtiges Therapieziel.

  • Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT):
    Diese Therapieform (entwickelt von Fonagy und Bateman) ist primär für BPS-Patienten konzipiert, aber auch für andere Störungen relevant. Ziel ist es, die Patienten darin zu schulen, ihre eigene und die Gedankenwelt anderer klarer, stabiler und differenzierter zu erfassen.
  • Förderung des Perspektivwechsels:
    In der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) wird ToM genutzt, um Patienten dabei zu helfen, festgefahrene negative Interpretationen von Situationen durch das Einnehmen der Perspektive anderer zu korrigieren.
  • Verbesserte Kommunikation:
    ToM ist essenziell für Empathie und Konfliktlösung, da sie die Fähigkeit fördert, die Bedürfnisse und Interessen des Gegenübers hinter dessen verbalen Aussagen zu erkennen.