Adhärenz
In der Psychologie ist Adhärenz (vom Lateinischen adhaerere = „anhängen“ oder „treu bleiben“) die moderne und partnerschaftliche Weiterentwicklung des Compliance-Begriffs. Adhärenz bezeichnet in der Medizin das Ausmaß, in dem das Verhalten eines Patienten mit den gemeinsam mit dem Behandler vereinbarten Therapieempfehlungen übereinstimmt.
In der Klinischen Psychologie und Psychotherapie ist Adhärenz einer der entscheidenden Faktoren für den Therapieerfolg.
Während Compliance eher das „Befolgen von Anweisungen“ beschreibt, steht Adhärenz für die aktive und gemeinsame Entscheidung einer Person, sich an einen vereinbarten Plan zu halten.
Die Kernmerkmale der Adhärenz
- Partizipative Entscheidungsfindung:
Therapeut und Klient erarbeiten die Ziele gemeinsam. Wenn man versteht, warum eine Maßnahme sinnvoll ist, steigt die Bindung an das Ziel. - Freiwilligkeit:
Es geht nicht um Gehorsam, sondern um die Einsicht, dass das Verhalten den eigenen Werten oder der eigenen Gesundheit dient. - Dauerhaftigkeit:
Adhärenz bezieht sich oft auf langfristige Verhaltensänderungen (z. B. Bewegung (Sport), Ernährung, Therapiepläne).
Das „HAPA-Modell“ (Health Action Process Approach)
Ein bekanntes psychologisches Modell zur Erklärung von Adhärenz unterscheidet zwei Phasen:
- Präintentional:
Man bildet die Absicht (Intention). - Postintentional:
Man plant die konkrete Umsetzung und den Umgang mit Rückfällen (Volition).
Adhärenz in der Psychotherapie
In der Psychotherapie ist Adhärenz einer der entscheidenden Faktoren für den Therapieerfolg. Sie beschreibt das Ausmaß, in dem ein Patient die gemeinsam mit dem Therapeuten erarbeiteten therapeutischen Empfehlungen aktiv umsetzt.
Anders als in der allgemeinen Medizin geht es hier nicht nur um die Einnahme von Medikamenten, sondern um die aktive Arbeit an tief sitzenden Verhaltens– und Denkweisen.
Die drei Dimensionen der Adhärenz in der Therapie
- Termintreue:
Das regelmäßige Erscheinen zu den Sitzungen. - Mitarbeit in der Sitzung:
Die Bereitschaft, sich auf schwierige Themen einzulassen und offen über Gefühle und Gedanken zu sprechen. - Umsetzung im Alltag (Hausaufgaben):
Dies ist der wichtigste Punkt. Es geht darum, neue Verhaltensweisen (z. B. Konfrontationsübungen oder das Führen eines Tagebuchs) zwischen den Sitzungen im realen Leben auszuprobieren.
Faktoren, die die Adhärenz fördern
- Therapeutische Allianz (Bündnis):
Die Qualität der Beziehung zwischen Therapeut und Patient ist der stärkste Prädiktor für Adhärenz. Wenn Vertrauen herrscht, steigt die Bereitschaft zur Mitarbeit. - Transparenz:
Wenn der Therapeut genau erklärt, wie eine Methode (z. B. die kognitive Umstrukturierung) funktioniert, kann der Patient den Sinn der Anstrengung besser nachvollziehen. - Passung der Ziele:
Die Ziele müssen für den Patienten subjektiv bedeutsam sein. Ein Ziel, das nur der Therapeut für wichtig hält, führt selten zu hoher Adhärenz.
Hindernisse in der Psychotherapie
Ein besonderes Phänomen in der Psychotherapie ist, dass mangelnde Adhärenz oft Teil der Problematik selbst ist:
- Widerstand:
Ein unbewusster Schutzmechanismus, der auftritt, wenn die Veränderung Angst macht. - Sekundärer Krankheitsgewinn:
Wenn die Symptome (unbewusst) auch Vorteile bieten (z. B. Aufmerksamkeit oder Entlastung von Verantwortung), kann dies die Adhärenz untergraben. - Schweregrad der Störung:
Bei einer schweren Depression kann allein die fehlende Energie (Antriebslosigkeit) die Adhärenz verhindern, obwohl der Patient eigentlich mitarbeiten möchte.
Abgrenzung zum „Gehorsam“
In der modernen Psychotherapie wird „blinder Gehorsam“ sogar oft kritisch gesehen. Man wünscht sich eine kritische Adhärenz: Der Patient soll mitdenken, Rückmeldung geben, wenn etwas nicht passt, und die Therapie als einen Prozess der Selbstermächtigung begreifen.
Vergleich: Compliance vs. Adhärenz
| Merkmal | Compliance | Adhärenz |
| Rolle der Person | Passiv (Empfänger) | Aktiv (Partner) |
| Beziehung | Hierarchisch (Befehl & Gehorsam) | Kooperativ (Vereinbarung) |
| Ziel | Gehorsam gegenüber Regeln | Erreichung gemeinsamer Ziele |
| Haltung | „Ich muss das machen.“ | „Ich will das machen, weil es mir hilft.“ |