Affektarmut

Affektarmut (oft auch Affektverflachung genannt) bezeichnet den Zustand, in dem ein Mensch nur noch ein sehr geringes Spektrum an Gefühlen erlebt und zeigt. Es ist, als wäre die „Farbpalette“ der Emotionen auf ein blasses Grau reduziert worden.

Im Gegensatz zur Affektstarre (bei der man in einer Stimmung feststeckt) oder der Parathymie (bei der das Gefühl nicht passt), fehlen bei der Affektarmut die Intensität und die Vielfalt der Gefühle fast völlig.

Kernmerkmale der Affektarmut

Die Störung zeigt sich sowohl im inneren Erleben als auch im äußeren Ausdruck:

  • Inneres Erleben:
    Betroffene berichten oft von einer großen inneren Leere. Sie fühlen sich weder richtig traurig noch richtig froh; alles wirkt gleichgültig oder bedeutungslos.
  • Mangelnde Mimik und Gestik:
    Das Gesicht wirkt maskenhaft, die Stimme monoton (Prosodie-Verlust) und die Bewegungen reduziert.
  • Fehlende EmpathieResonanz:
    Es fällt schwer, Mitgefühl für andere aufzubringen, nicht aus Bosheit, sondern weil die emotionale Antwortfähigkeit im System fehlt.

Abgrenzung Affektarmut vs. Affektverflachung

In der klinischen Praxis (insbesondere im AMDP-System) werden die Begriffe Affektarmut und Affektverflachung oft synonym verwendet, da sie beide die Reduktion von Gefühlen beschreiben. Präzise betrachtet, gibt es jedoch differenzierte Nuancen in der Bedeutung:

Merkmal Affektarmut Affektverflachung (Emotional Blunting)
Fokus Das innere Erleben (Quantität). Der äußere Ausdruck (Qualität).
Erleben Es sind schlichtweg kaum Gefühle vorhanden; die Quelle scheint versiegt. Die Gefühle sind gedämpft; sie erreichen nicht mehr die gewohnte Intensität oder Tiefe.
Wirkung Der Patient berichtet von einer emotionalen Leere. Der Patient wirkt teilnahmslos oder „abgestumpft“.
Klinik Oft als dauerhaftes Persönlichkeitsmerkmal oder Minussymptomatik gesehen. Häufig als Reaktion auf Traumata oder als Medikamentennebenwirkung beschrieben.
Metapher Ein leeres Glas. Ein Glas, in dem das Getränk schal und abgestanden ist.

Abgrenzung: Affektarmut vs. Anhedonie

Diese beiden Begriffe hängen eng zusammen, sind aber nicht identisch:

Begriff Fokus Beschreibung
Affektarmut Der Ausdruck & das Erleben Wenig sichtbare Emotionen, reduzierte Schwingung.
Anhedonie Die Genussfähigkeit Die Unfähigkeit, Freude oder Vergnügen zu empfinden.

Vorkommen bei klinischen Störungsbildern

Affektarmut ist ein wichtiges Symptom in verschiedenen klinischen Bereichen:

Ursachen: Warum schaltet das System ab?

  • Biologisch:
    Veränderungen im Dopamin-Stoffwechsel oder strukturelle Veränderungen im präfrontalen Kortex können die emotionale Verarbeitung stören.
  • Psychologisch (Schutzfunktion):
    Wenn Gefühle in der Vergangenheit zu schmerzhaft oder überwältigend waren, kann das Gehirn die „Sicherung rausdrehen“, um das Individuum vor weiterer Überlastung zu schützen (Dissoziation).
  • Medikamentös:
    Manche Psychopharmaka (in hohen Dosen) können als Nebenwirkung die Affektivität dämpfen, was von Patienten als „Einbetonierung“ beschrieben wird.

Therapeutischer Ansatz

Affektarmut ist oft schwieriger zu behandeln als „zu viel“ Gefühl (wie Labilität), da der Antrieb zur Veränderung fehlt.

  1. Ressourcenaktivierung:
    Suche nach kleinsten emotionalen „Inseln“ – was hat früher Freude gemacht?
  2. Körpertherapie:
    Da Emotionen körperlich verankert sind, können Bewegung, Berührung oder Wahrnehmungsübungen helfen, den Zugang zum Erleben wiederzufinden.
  3. Soziales Kompetenztraining:
    Lernen, wie man Emotionen ausdrückt, auch wenn man sie gerade nicht stark fühlt, um soziale Isolation zu vermeiden.

Zusammenfassung

Affektarmut ist ein Zustand verminderter emotionaler Schwingungsfähigkeit (Affektivität), bei dem sowohl das innere Erleben als auch der äußere Ausdruck von Gefühlen massiv reduziert oder bis zur völligen Leere abgeflacht sind.