Affektinkontinenz

Unter Affektinkontinenz versteht man in der Psychologie und Neurologie die Unfähigkeit, die äußere Äußerung von Emotionen zu kontrollieren. Während wir bei der Affektintoleranz das Gefühl innerlich nicht aushalten, bricht bei der Inkontinenz der Affekt ungefiltert und oft völlig unpassend nach außen durch.

Man kann es sich wie ein „Leck“ im emotionalen Kontrollzentrum vorstellen: Die Hemmschwelle ist massiv herabgesetzt oder gar nicht mehr vorhanden.

Kernmerkmale der Affektinkontinenz

Das Hauptmerkmal ist die Diskrepanz zwischen dem äußeren Ausdruck und dem inneren Erleben oder der Situation.

  • Blitzartiges Auftreten:
    Emotionen wie Weinen, Lachen oder Wut schießen ohne Vorwarnung hervor.
  • Mangelnde Modulationsfähigkeit:
    Wenn der Affekt einmal läuft, kann er vom Betroffenen nicht gestoppt oder abgeschwächt werden (ähnlich wie körperliche Inkontinenz).
  • Situationsunangemessenheit:
    Beispiele: Jemand bricht bei einer Beerdigung in schallendes Lachen aus oder fängt bei einem sachlichen Arbeitsgespräch haltlos an zu weinen, ohne sich traurig zu fühlen.

Ursachen: Woher kommt das „Leck“?

Im Gegensatz zu vielen anderen psychischen Phänomenen hat die Affektinkontinenz sehr häufig eine organische/neurologische Ursache. Sie ist oft ein Zeichen dafür, dass die Verbindung zwischen dem limbischen System (Gefühlszentrum) und dem Stirnhirn (Kontrollinstanz) gestört ist.

Neurologische Auslöser:

  • Demenzielle Erkrankungen:
    Besonders bei der vaskulären Demenz oder Alzheimer.
  • Schlaganfälle:
    Vor allem, wenn Areale im Frontallappen betroffen sind.
  • Multiple Sklerose (MS):
    Hier tritt oft das Phänomen des „pathologischen Lachens oder Weinens“ auf.
  • Schädel-Hirn-Traumata:
    Verletzungen, die die Impulskontrolle schwächen.

Psychische Auslöser:

Abgrenzung: Affektinkontinenz vs. Affektlabilität

Diese beiden Begriffe werden oft verwechselt, beschreiben aber unterschiedliche Ausprägungen:

Merkmal Affektlabilität Affektinkontinenz
Dauer Schneller Wechsel der Stimmung (hoch/tief). Kurze, heftige Durchbrüche.
Kontrolle Erschwert, aber oft noch resthaft vorhanden. Nahezu unmöglich zu unterdrücken.
Ursache Oft psychisch (z.B. Borderline, Bipolar). Oft neurologisch (Hirnschädigung).
Beispiel Eben noch fröhlich, jetzt traurig gestimmt. Plötzliches Weinkrämpfe ohne Trauergefühl.

Der „Pseudobulbäre Affekt“ (PBA)

In der Medizin wird die ausgeprägte Form der Affektinkontinenz oft als Pseudobulbärer Affekt bezeichnet. Betroffene berichten oft, dass sie sich innerlich gar nicht so fühlen, wie sie sich äußerlich verhalten.

  • Beispiel: Ein Patient lacht lautstark, empfindet aber innerlich eigentlich Angst oder gar keine Emotion. Das Nervensystem „feuert“ einfach das falsche Programm ab.

Umgang und Therapie

Da die Ursache meist körperlich ist, unterscheidet sich der Ansatz von rein psychologischen Strategien:

  • Psychoedukation:
    Es ist für Betroffene und Angehörige extrem entlastend zu wissen, dass es sich um einen neurologischen Defekt handelt und nicht um mangelnde Selbstbeherrschung oder eine „Verrücktheit“.
  • Medikamentöse Behandlung:
    In schweren Fällen können Antidepressiva (SSRIs) oder spezielle Medikamente helfen, die Schwelle für diese Durchbrüche wieder anzuheben.
  • Verhaltenstaktiken:
    Patienten lernen manchmal, den Reiz zu unterbrechen (z. B. tief durchatmen, die Position wechseln), bevor der Affekt voll durchbricht.

Zusammenfassung

Affektinkontinenz ist der Verlust der Kontrollfunktion über den emotionalen Ausdruck. Während man bei der Affektintoleranz lernt, das Gefühl zu „halten“, geht es bei der Inkontinenz oft darum, mit der biologischen Fehlsteuerung des Ausdrucks zu leben.