Affektintoleranz
Unter Affektintoleranz (engl. affective intolerance) versteht man die Unfähigkeit einer Person, intensive Gefühle – seien sie negativ oder positiv – auszuhalten, zu regulieren und angemessen zu verarbeiten.
Anstatt ein Gefühl wie Angst, Wut oder Trauer fließen zu lassen, wird es als bedrohlich, überwältigend oder „unerträglich“ erlebt. Das führt meist zu sofortigen Abwehr- oder Fluchtreaktionen.
Kernmerkmale der Affektintoleranz
Menschen mit Affektintoleranz verfügen oft nicht über ein sogenanntes „Window of Tolerance“ (Toleranzfenster). Sobald ein Gefühl aufkommt, geraten sie entweder in eine Übererregung (Hyperarousal) oder in eine emotionale Erstarrung (Hypoarousal).
- Überflutung:
Das Gefühl wird als körperlich schmerzhaft oder psychisch vernichtend erlebt. - Mangelnde Differenzierung:
Betroffene können oft nicht genau sagen, was sie fühlen. Es ist einfach ein diffuser, unerträglicher Zustand („Ich halte es nicht mehr aus!“). - Angst vor dem Gefühl:
Die Angst vor der Angst. Man fürchtet, durch das Gefühl den Verstand zu verlieren oder niemals wieder aus dem Zustand herauszukommen.
Bezug zu klinischen Störungsbildern
Affektintoleranz ist ein transdiagnostisches Merkmal, kommt also bei vielen Störungen vor:
- Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS):
Das Kernproblem. Gefühle schießen von 0 auf 100. Um die unerträgliche Spannung zu beenden, greifen Betroffene oft zu schädigenden Mechanismen (z. B. selbstverletzendes Verhalten), um den psychischen Schmerz in körperlichen umzuwandeln. - Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS):
Da traumatische Erinnerungen mit massiven Affekten gekoppelt sind, entwickeln Betroffene eine extreme Intoleranz gegenüber allem, was diese Gefühle triggern könnte. - Angststörungen:
Die Panikattacke ist oft die Eskalation einer Affektintoleranz gegenüber körperlichen Angstsymptomen. - Suchterkrankungen:
Suchtmittel dienen hier als „chemische Regulation“, um Gefühle sofort zu betäuben, die man nicht aushalten kann.
Affektintoleranz in der Therapie
In der Therapie ist das Ziel nicht, die Gefühle zu beseitigen, sondern die Affekt-Toleranz-Schwelle zu erhöhen.
Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT)
In der DBT werden explizit „Skill-Trainings“ eingesetzt. Wenn die Spannung zu hoch wird, lernt der Patient, diese durch starke Reize (z. B. Ammoniak riechen, Eiswürfel halten) kurzfristig zu senken, ohne sich zu schaden.
Affektregulierungstraining
Dabei geht es darum, Gefühle:
- Wahrzunehmen (Was passiert in meinem Körper?)
- Benennen (Ist das Wut oder Scham?, vgl. Alexithymie)
- Akzeptieren (Es ist nur ein Gefühl, es geht vorbei.)
- Modulieren (Wie kann ich die Intensität sanft senken?)
Alltagsbeispiele für Affektintoleranz
- Der „Jähzornige“:
Jemand kann minimale Frustration nicht aushalten und explodiert sofort, weil der innere Druck der Wut sofort entladen werden muss. - Die „Harmoniesüchtige„:
Jemand hält die Spannung eines Konflikts nicht aus und gibt sofort nach oder flüchtet aus dem Raum, nur um das unangenehme Gefühl der Konfrontation zu beenden. - Ablenkungszwang:
Sobald eine Sekunde Stille oder leichte Traurigkeit aufkommt, muss das Handy gezückt oder der Fernseher eingeschaltet werden, um den Kontakt zum Inneren zu unterbrechen.
Zusammenfassung
Affektintoleranz ist wie ein zu schwacher „psychischer Muskel“. Wenn das Gewicht (das Gefühl) zu schwer wird, lässt man es sofort fallen oder bricht darunter zusammen. Die Therapie fungiert hier als „Krafttraining“ für diesen Muskel.