Affektstarre

Unter Affektstarre versteht man die Unfähigkeit eines Menschen, seine emotionale Schwingungsfähigkeit der jeweiligen Situation anzupassen. Die betroffene Person verharrt in einer bestimmten Stimmung – meist einer depressiven oder griesgrämigen – und lässt sich durch äußere Reize (wie einen Witz, ein Lob oder eine freundliche Geste) nicht daraus lösen.

Kernmerkmale der Affektstarre

Im klinischen Alltag wird die Affektstarre oft im Rahmen des psychopathologischen Befundes geprüft. Typische Merkmale sind:

  • Mangelnde Resonanz:
    Der Patient reagiert nicht auf die emotionale Schwingung des Gegenübers (kein Lächeln als Erwiderung).
  • Fixierung:
    Die Person wirkt wie „eingefroren“ in ihrem aktuellen Zustand.
  • Eingeschränkte Mimik und Gestik:
    Nicht nur das innere Erleben ist starr, auch der äußere Ausdruck (das Gesicht, die Körpersprache) wirkt maskenhaft oder unbeweglich.

Abgrenzung: Affektstarre vs. Affektarmut

Diese beiden Begriffe werden häufig verwechselt, beschreiben aber unterschiedliche Phänomene:

Merkmal Affektstarre Affektarmut
Zustand Eine Stimmung ist vorhanden, aber unbeweglich. Es sind kaum Gefühle vorhanden.
Metapher Ein festgefrorener See. Ein ausgetrocknetes Flussbett.
Wirkung Man merkt z.B. die Trauer, aber sie ändert sich nicht. Man merkt eine emotionale Leere oder Gleichgültigkeit.

Vorkommen bei klinischen Störungsbildern

Affektstarre ist ein wichtiges diagnostisches Kriterium für verschiedene psychische Erkrankungen:

  • Schwere Depression:
    Der Patient ist so tief in seiner Traurigkeit oder inneren Leere gefangen, dass Zuspruch oder positive Ereignisse ihn nicht erreichen. Er „schwingt nicht mit“.
  • Schizophrenie:
    Hier tritt Affektstarre oft als Teil der sogenannten Negativsymptomatik auf. Die Patienten wirken emotional unzugänglich und starr.
  • Autismus-Spektrum-Störungen:
    Betroffene zeigen oft eine eingeschränkte mimische Reaktion, was von außen als Affektstarre wahrgenommen werden kann, obwohl das innere Erleben durchaus intensiv sein kann.
  • Demenz:
    Durch den Abbau von Nervenzellen im Frontalhirn kann die Fähigkeit verloren gehen, emotional flexibel auf die Umwelt zu reagieren.

Diagnostik: Das „Mitgehen“

In der Therapie oder Psychiatrie testet der Behandler die Affektivität oft durch aktives „Anschwingen“:

  • Der Therapeut verändert seine eigene Stimmung (bringt etwas Humor ein oder zeigt Mitgefühl).
  • Beobachtung: Kann der Patient folgen? Ändert sich sein Gesichtsausdruck? Lockert sich die Haltung?
  • Bleibt der Patient völlig unverändert in seinem Ausdruck, spricht man von einer verringerten Schwingungsfähigkeit (Affektferflachung) bis hin zur Affektstarre.

Therapeutische Bedeutung

Affektstarre ist oft ein Zeichen für eine sehr hohe psychische Belastung oder eine schwere biologische Komponente einer Erkrankung.

  • In der Akutphase:
    Hier steht oft die medikamentöse Behandlung im Vordergrund, um das „System“ wieder schwingungsfähig zu machen.
  • In der Psychotherapie:
    Es wird versucht, die Blockaden vorsichtig zu lösen. Dabei spielen oft körperorientierte Verfahren eine Rolle, da die körperliche Erstarrung (Muskeltonus) eng mit der emotionalen Starre verknüpft ist.

Zusammenfassung

Affektstarre bedeutet, dass die emotionale Flexibilität verloren gegangen ist. Während gesunde Menschen auf die „Farben“ ihrer Umwelt reagieren können, sieht der affektstarre Mensch die Welt – und zeigt sich ihr – nur in einem einzigen, unveränderlichen Farbton.