AMDP-System

Das AMDP-System (Arbeitsgemeinschaft für Methodik und Dokumentation in der Psychiatrie) ist das wichtigste Standardinstrument im deutschsprachigen Raum zur Erfassung des psychopathologischen Befundes.

Es dient dazu, psychische Symptome einheitlich zu beschreiben, damit Fachleute (Ärzte, Psychologen, Pflegepersonal) eine „gemeinsame Sprache“ sprechen.

Aufbau des Systems

Das System besteht primär aus einem Manual und einem Belegsatz, der insgesamt 140 Symptome umfasst. Diese sind in verschiedene Funktionsbereiche unterteilt:

Die Beurteilungsskala

Für jedes Symptom wird im AMDP-Bogen nicht nur geschaut, ob es vorhanden ist, sondern auch, wie stark es ausgeprägt ist. Die Skala reicht meist von:

  1. Nicht vorhanden (-)
  2. Leicht (l)
  3. Mittel (m)
  4. Schwer (s)

Dabei gibt es für jedes Symptom im Manual eine exakte Definition (die sogenannte Operationalisierung), damit die Einschätzung objektiv bleibt.

Warum nutzt man das AMDP-System?

  • Objektivität:
    Es verhindert, dass Diagnosen rein nach Bauchgefühl gestellt werden.
  • Vergleichbarkeit:
    Kliniken können Verläufe dokumentieren. Man sieht schwarz auf weiß, ob eine Therapie die Symptome von „schwer“ auf „leicht“ reduziert hat.
  • Wissenschaft:
    In Studien ist das AMDP-System der Goldstandard, um Patientengruppen zu beschreiben.

Wichtige Abgrenzung: Befund vs. Diagnose

Das AMDP-System liefert den Befund (die Symptome), aber noch keine Diagnose.

  • AMDP:
    „Patient hört Stimmen (Halluzination) und ist überzeugt, verfolgt zu werden (Wahn).“
  • ICD-10 / ICD-11:
    „Aufgrund dieser Symptome liegt eine paranoide Schizophrenie vor.“

Anwendungsbeispiel: Die Unterscheidung von „Wahn“ und „Zwang

Im Anwendungbeispiel (hier: Zwangsstörung oder Schizophrenie) kann man gut erkennen, wie in der klinischen Psychologie die Unterschiede herausgearbeitet werden, die dann über die Diagnose entscheiden.
Im AMDP-System achtet man dabei auf drei entscheidende Unterschiede:

Das Erleben der Urheberschaft (Ich-Dyston vs. Ich-Synton)

  • Zwang (Ich-dyston):
    Der Patient erkennt die Gedanken als seine eigenen an, erlebt sie aber als unsinnig, quälend oder fremdartig. Er distanziert sich innerlich davon („Ich weiß, dass es Quatsch ist, dass ich mich infiziere, aber ich muss trotzdem waschen“).
  • Wahn (Ich-synton):
    Der Patient erlebt den Gedanken als Teil seiner Realität. Er zweifelt nicht an der Richtigkeit. Es findet keine Distanzierung statt; der Gedanke wird als absolut wahr empfunden.

Der Widerstand

  • Zwang:
    Ein Kernmerkmal des Zwangs ist der innere Widerstand. Der Betroffene versucht (zumindest anfangs), gegen den Gedanken oder Impuls anzukämpfen.
  • Wahn:
    Gegen einen Wahn leistet man keinen Widerstand, da man ihn nicht als störendes Symptom, sondern als Erkenntnis über die Welt ansieht.

Die Korrigierbarkeit

  • Zwang:
    Man kann mit dem Patienten über die Unlogik des Zwangs sprechen. Er wird zustimmen („Ja, ich weiß, dass das Schloss zu ist“), kann aber das Gefühl der Unsicherheit dennoch nicht abstellen.
  • Wahn:
    Der Wahn ist unbeirrbar. Selbst wenn man Gegenbeweise liefert, werden diese oft in das Wahnsystem eingebaut (z. B. „Dass die Kamera nicht da ist, beweist nur, wie gut die Spione sie versteckt haben“).

Gegenüberstellung im AMDP-System

MerkmalZwangWahn
EinsichtVorhanden (Sinnlosigkeit erkannt)Fehlend (Glaube an die Realität)
GedankenquelleEigenes Ich („Ich denke das“)Eigenes Ich (aber oft als „Erkenntnis“)
GefühlDrang, Angst, QualGewissheit, Überzeugung
WiderstandJa, meist vorhandenNein

Ein Beispiel zur Verdeutlichung:

  • Zwang:
    „Ich habe ständig den Gedanken, ich könnte jemanden mit dem Auto überfahren haben. Ich weiß, es ist unwahrscheinlich, aber ich muss immer wieder zurückfahren und nachsehen.“
  • Wahn:
    „Ich habe jemanden überfahren. Die Polizei hat die Spuren verwischt, um mich in den Wahnsinn zu treiben. Ich sehe die Zeichen überall.“

Zusammenfassend ist das AMDP-System also das Werkzeug, um die Bausteine zu sammeln, aus denen später die Diagnose zusammengesetzt wird.