Anaklitische Depression
Die anaklitische Depression (vom Griechischen anaklitos für „angelehnt“) beschreibt eine schwere depressive Reaktion bei Säuglingen und Kleinkindern, die entsteht, wenn eine bereits bestehende, gute Bindung zu einer Hauptbezugsperson plötzlich und dauerhaft unterbrochen wird.
Sie gilt als das spezifische emotionale Erscheinungsbild des Hospitalismus in der frühen Kindheit.
Der Verlauf nach René Spitz
René Spitz beobachtete, dass die Symptome meistens auftreten, wenn die Trennung im Alter zwischen dem 6. und 12. Lebensmonat erfolgt und mindestens drei Monate andauert. Der Prozess verläuft typischerweise in Stadien:
- 1. Monat:
Die Kinder werden weinerlich, klammernd und protestieren gegen fremde Personen. - 2. Monat:
Der Protest weicht einem Rückzug. Das Weinen geht in Jammern über, die Kinder verlieren an Gewicht und die Entwicklung stagniert. - 3. Monat:
Einsetzen der eigentlichen Depression. Die Kinder liegen oft apathisch in ihren Betten, vermeiden Blickkontakt und zeigen eine starre Mimik. - Nach 3 Monaten:
Wenn keine neue Bezugsperson gefunden wird, verfestigt sich der Zustand (Marasmus), was zu bleibenden Schäden oder zum Tod führen kann.
Psychologische Einordnung
Im Gegensatz zum allgemeinen Hospitalismus (der auch durch generellen Reizmangel entstehen kann) setzt die anaklitische Depression eine vorangegangene Bindungserfahrung voraus.
- Verletzung des Bindungsbedürfnisses:
Das Kind verliert seine „sichere Basis“. Da es noch keine kognitiven Strategien zur Trauerbewältigung hat, reagiert der Körper mit einem biologischen Notprogramm (Shutdown). - Objektverlust:
In der Psychoanalyse spricht man vom Verlust des geliebten Objekts, auf das das Kind angewiesen („angelehnt“) war.
Reversibilität
Das Besondere an der anaklitischen Depression ist ihre potenzielle Umkehrbarkeit: Wenn die Bezugsperson innerhalb der ersten drei bis fünf Monate zurückkehrt oder eine liebevolle Ersatzperson die Pflege übernimmt, verschwinden die Symptome oft erstaunlich schnell. Erfolgt jedoch keine Intervention, droht der Übergang in den irreversiblen Hospitalismus.
Zusammenfassung
Die anaklitische Depression ist ein Zustand tiefer Apathie und Entwicklungsverweigerung bei Säuglingen, der durch den plötzlichen Verlust einer stabilen Bindungsperson ausgelöst wird und die existenzielle Bedeutung emotionaler Zuwendung unterstreicht.