Antriebsstörung

In der Psychiatrie und klinischen Psychologie ist die Antriebsstörung ein Oberbegriff für die krankhafte Beeinträchtigung der Initiative, der Energie und des zielgerichteten Handelns. Während „Antriebslosigkeit“ oft umgangssprachlich genutzt wird, beschreibt die Antriebsstörung ein klinisch relevantes Defizit, das verschiedene Formen annehmen kann.

Man unterscheidet im Wesentlichen zwischen zwei Richtungen: der Antriebshemmung (zu wenig) und der Antriebssteigerung (zu viel).

Formen von Antriebsstörungen

1. Antriebsarmut (Mangel)

Dies ist die häufigste Form bei Depressionen oder körperlichen Erkrankungen.

  • Symptome:
    Mangel an Energie, Initiative und Spontaneität. Betroffene wirken teilnahmslos, die Sprache ist oft leise und einsilbig, Bewegungen sind verlangsamt.
  • Antriebshemmung:
    Der Betroffene möchte eigentlich, fühlt sich aber wie durch eine unsichtbare Mauer gebremst. Das Gefühl: „Ich kann nicht, auch wenn ich will.“

2. Antriebssteigerung (Überschuss)

Dies tritt häufig in manischen Phasen oder unter Drogeneinfluss auf.

  • Symptome:
    Rastlosigkeit, übersteigerter Tatendrang, Betroffene beginnen viele Dinge gleichzeitig, ohne sie zu beenden.
  • Logorrhö:
    Ein Rededrang, bei dem der Antrieb die sprachliche Kontrolle überholt.

3. Psychomotorische Agitiertheit

Eine Mischform, bei der man sich zwar innerlich getrieben und unruhig fühlt (hoher Antrieb), diese Energie aber ungerichtet und unproduktiv bleibt (z. B. zielloses Hin- und Herlaufen).

Die biologische Achse: Warum der Antrieb blockiert

Wie wir bereits besprochen haben, arbeiten hier drei Systeme eng zusammen. Eine Störung an jeder dieser Stellen führt zu einer Antriebsstörung:

  1. HPA-Achse (Stress):
    Dauerhafter Stress führt zu Cortisol-Resistenz. Der Körper bleibt im „Alarmmodus“, erschöpft aber seine Ressourcen.
  2. Belohnungssystem (Dopamin):
    Wenn das Gehirn keinen Sinn oder keine Belohnung in einer Handlung sieht, wird kein Dopamin ausgeschüttet. Der „Funke“ springt nicht über.
  3. Basalganglien (Ausführung):
    Diese Hirnareale fungieren als Filter. Bei einer Störung (z. B. durch Dopaminmangel) wird der „Go“-Befehl an die Muskeln und das Bewusstsein schlichtweg blockiert.

Diagnostischer Kontext: Wo treten Antriebsstörungen auf?

Krankheitsbild Typische Antriebsstörung
Depression / Dysthymie Massive Antriebsarmut, oft mit Morgentief.
Bipolare Störung Wechsel zwischen Antriebsarmut (Depression) und Steigerung (Manie).
Schizophrenie Negativsymptomatik“: Dauerhafter Verlust von Initiative (Avolition).
Demenz / Alzheimer Fortschreitender Verlust der Fähigkeit, Handlungen zu planen.
Hypothyreose Körperlich bedingte Antriebslosigkeit durch Schilddrüsenhormonmangel.

Therapie und Management

Die Therapie von Antriebsstörungen ist oft paradox: Um wieder Antrieb zu bekommen, muss man handeln, obwohl man keinen Antrieb hat.

  • Pharmakotherapie:
    Einsatz von antriebssteigernden Antidepressiva (z. B. Bupropion oder bestimmte SSRI/SNRI).
  • Behaviorale Aktivierung:
    Das Kernstück der Verhaltenstherapie. Man erstellt strikte Wochenpläne, die unabhängig von der aktuellen Stimmung („Lust“) abgearbeitet werden, um das Belohnungssystem wieder zu kalibrieren.
  • Körperorientierte Verfahren:
    Sport, Lichttherapie oder Ergotherapie, um die psychomotorische Blockade auf physischem Weg zu lösen.