Assertivität
Assertivität (engl. Assertiveness) ist ein Konzept der Sozialpsychologie und Verhaltenstherapie. Es beschreibt die Fähigkeit, eigene Rechte, Gefühle, Bedürfnisse und Meinungen auf eine direkte, ehrliche und angemessene Weise zu kommunizieren.
Im Kern geht es darum, für sich selbst einzustehen, ohne die Rechte anderer zu verletzen. Während „Selbstbehauptung“ oft eher defensiv (als Grenzziehung) verstanden wird, umfasst Assertivität auch die proaktive Gestaltung von Beziehungen und die konstruktive Durchsetzung von Zielen.
Das Vier-Quadranten-Modell der Kommunikation
Assertivität lässt sich am besten durch die Abgrenzung zu anderen Kommunikationsstilen definieren. In der Psychologie nutzt man hierfür oft ein Kontinuum zwischen Selbstbezug und Fremdbezug:
| Stil | Haltung | Wirkung |
| Passiv | „Ich zähle nicht, du zählst.“ | Man gibt nach, um Harmonie zu wahren; baut innerlich Groll auf (vgl. Harmoniesucht). |
| Aggressiv | „Ich zähle, du zählst nicht.“ | Man setzt sich durch Einschüchterung oder Dominanz durch; zerstört Vertrauen. |
| Passiv-Aggressiv | „Ich zähle nicht offen, aber ich sabotiere dich.“ | Indirekter Widerstand; Unzuverlässigkeit und versteckte Vorwürfe. |
| Assertiv | „Ich zähle UND du zählst.“ | Respektvoller Austausch; klare Grenzen bei gleichzeitiger Empathie. |
Die psychologischen Säulen der Assertivität
Echtes assertives Verhalten basiert auf drei internen Voraussetzungen:
- Selbstkenntnis:
Man muss wissen, was man eigentlich will und wo die eigenen Grenzen liegen (Verbindung zur Selbstbeobachtung). - Selbstwert:
Die Überzeugung, dass die eigenen Bedürfnisse legitim sind, auch wenn sie im Widerspruch zu denen anderer stehen (Abgrenzung zur Anspruchshaltung). - Empathie:
Die Fähigkeit, die Position des Gegenübers zu verstehen, ohne die eigene Position sofort aufzugeben.
Assertive Techniken (SKT)
In der klinischen Psychologie (z. B. im Rahmen des Assertiveness Training Programs oder eines Soziale-Kompetenztrainings) werden spezifische Techniken vermittelt, um die Handlungsfähigkeit zu erhöhen:
- Broken Record (Die kaputte Schallplatte):
Das ruhige Wiederholen des eigenen Standpunktes ohne Rechtfertigungszwang, wenn das Gegenüber versucht, einen zu manipulieren. - Fogging (Nebeln):
Kritik gelassen aufnehmen, indem man dem Teil der Kritik zustimmt, der wahr ist, ohne sich jedoch insgesamt abwerten zu lassen oder das eigene Verhalten zu ändern. - Negative Inquiry (Negatives Fragen):
Bei Kritik aktiv nachfragen, um sachliche Informationen zu erhalten, statt defensiv zu reagieren (z. B. „Was genau an meinem Bericht hat dich gestört?“). - I-Statements (Ich-Botschaften):
Gefühle und Wünsche klar benennen, statt Vorwürfe zu machen („Ich brauche Ruhe“ statt „Du bist zu laut“).
Die „Assertive Bill of Rights“
Nach Manuel J. Smith gibt es eine Liste von psychologischen Grundrechten, die die Basis für Assertivität bilden. Dazu gehören unter anderem:
- Das Recht, das eigene Verhalten und die eigenen Gefühle selbst zu beurteilen.
- Das Recht, keine Gründe oder Entschuldigungen für das eigene Verhalten anzugeben.
- Das Recht, seine Meinung zu ändern.
- Das Recht, Fehler zu machen und dafür die Verantwortung zu tragen.
- Das Recht zu sagen: „Ich verstehe das nicht“ oder „Es ist mir egal“.
Abgrenzung zur Anspruchshaltung
Es ist wichtig, Assertivität nicht mit einer übersteigerten Anspruchshaltung zu verwechseln:
- Anspruchshaltung:
Erwartet eine Vorzugsbehandlung und ignoriert die Bedürfnisse anderer (Egozentrik). - Assertivität:
Fordert den Raum ein, der jedem zusteht, und respektiert den Raum der anderen (Gleichwertigkeit).
Zusammenfassung
Assertivität (Assertiveness) ist die goldene Mitte der sozialen Interaktion. Sie ermöglicht die proaktive Vertretung eigener Interessen durch klare Kommunikation und feste Grenzziehung. Psychologisch erfordert sie eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung und bildet den Gegenpol zu passiver Unterordnung sowie aggressiver Dominanz. Sie ist das Werkzeug zur Herstellung gesunder, reziproker Beziehungen.