Assimilation

Die Assimilation ist in der kognitiven Entwicklungstheorie nach Jean Piaget der Prozess, bei dem neue Informationen oder Erfahrungen so interpretiert und angepasst werden, dass sie in bereits bestehende Denkschemata passen.

Zusammen mit der Akkommodation bildet sie die Grundlage für die menschliche Anpassung an die Umwelt (Adaptation).

Der Mechanismus: „Die Welt passend machen“

Bei der Assimilation nutzt das Gehirn vorhandene Wissensstrukturen, um Unbekanntes einzuordnen. Es findet keine Veränderung des inneren Systems statt; stattdessen wird die neue Information so gefiltert, dass sie in die „Schublade“ passt, die bereits vorhanden ist.

  • Beispiel (Kind):
    Ein Kind hat das Schema „Vogel“ für alles, was Flügel hat und fliegt. Sieht es zum ersten Mal einen Schmetterling, ruft es „Vogel!“. Es hat den Schmetterling in sein bestehendes Schema assimiliert.
  • Beispiel (Erwachsener):
    Jemand hat das Vorurteil, dass eine bestimmte Gruppe von Menschen unfreundlich ist. Trifft er eine nette Person aus dieser Gruppe, interpretiert er das Verhalten als „verstellte Freundlichkeit“ oder „Ausnahme“, um sein bestehendes Schema nicht ändern zu müssen.

Funktion und Nutzen

Assimilation ist ein energetisch hocheffizienter Prozess. Sie dient der Orientierung und Kontrolle:

  • Reduktion von Komplexität:
    Wir müssen die Welt nicht jeden Tag neu erfinden.
  • Stabilität:
    Sie verleiht uns ein Gefühl von Kontinuität und Sicherheit.
  • Vermeiden von Inkonsistenz:
    Indem wir widersprüchliche Informationen passend umdeuten, vermeiden wir das unangenehme Gefühl des kognitiven Ungleichgewichts (Disäquilibrium).

Die Gefahr: Übergeneralisierung

Wenn wir zu stark assimilieren, werden wir starr. Wir nehmen die Realität nicht mehr so wahr, wie sie ist, sondern nur noch so, wie sie in unsere Schemata passt.

  • In der Psychologie:
    Dies ist ein Kernmechanismus bei der Aufrechterhaltung von Glaubenssätzen, z.B. bei Depressionen. Ein depressiver Mensch assimiliert oft positive Erlebnisse („Das war nur Glück“) in sein negatives Selbstbild („Ich kann nichts“).

Das Wechselspiel (Äquilibration)

Assimilation kann nicht allein existieren. Wenn eine Information absolut nicht mehr passend gemacht werden kann (z. B. der Schmetterling pickt keine Körner und singt nicht), entsteht eine Spannung. Erst dann findet Akkommodation statt – das Schema wird umgebaut.

Zusammenfassung

Assimilation ist das Einordnen von neuen Erfahrungen in bereits vorhandene geistige Strukturen, wodurch die Welt subjektiv stimmig bleibt, ohne dass das eigene Denken angepasst werden muss.