Bystander-Effekt
Der Bystander-Effekt (auch Genovese-Syndrom oder Zuschauereffekt genannt) beschreibt ein sozialpsychologisches Phänomen: Je mehr Menschen Zeuge eines Notfalls oder einer kritischen Situation werden, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Einzelne eingreift oder Hilfe leistet.
Das bedeutet paradoxerweise: Wenn man Hilfe braucht, ist man statistisch gesehen sicherer, wenn nur eine einzige Person anwesend ist, als wenn eine ganze Menschenmenge zuschaut.
Die drei psychologischen Ursachen
Warum handeln Menschen in der Gruppe nicht? Die Forschung (insbesondere durch Latané und Darley) nennt drei Hauptgründe:
- Verantwortungsdiffusion:
In einer Gruppe teilt sich die gefühlte Verantwortung durch die Anzahl der Anwesenden. Jeder denkt: „Irgendjemand anderes wird schon helfen oder hat bereits den Notruf gewählt.“ - Pluralistische Ignoranz:
Menschen orientieren sich in unsicheren Situationen am Verhalten anderer. Wenn alle anderen ruhig bleiben und nur zuschauen, schließt der Einzelne daraus, dass es wohl kein echter Notfall ist. Man will sich nicht „blamieren“, indem man überreagiert. - Bewertungsangst:
Die Sorge, vor den Augen der anderen etwas falsch zu machen oder sich lächerlich zu machen, hemmt die Handlungsbereitschaft.
Der Entscheidungsprozess nach Latané und Darley
Damit Hilfe erfolgt, muss ein Beobachter fünf Stufen erfolgreich durchlaufen. Auf jeder Stufe kann der Prozess durch den Bystander-Effekt abgebrochen werden:
- Bemerken:
Nimmt die Person das Ereignis überhaupt wahr? - Interpretieren:
Wird die Situation als Notfall erkannt? (Gefahr der pluralistischen Ignoranz). - Verantwortung übernehmen:
Fühle ich mich persönlich zuständig? (Gefahr der Verantwortungsdiffusion). - Kompetenz entscheiden:
Weiß ich, wie ich helfen kann? - Handeln:
Die Hilfe tatsächlich ausführen.
Bekannte Studien
Der Effekt wurde nach dem Mord an Kitty Genovese (1964) intensiv erforscht. Es hieß damals fälschlicherweise, 38 Nachbarn hätten zugesehen, ohne zu helfen.
In Laborexperimenten zeigte sich das Muster deutlich:
- War ein Proband allein, halfen ca. 85 %.
- Waren fünf Personen anwesend, sank die Hilfsquote auf ca. 31 %.
Wie man den Effekt bricht
Wenn man selbst in eine Notsituation gerät und viele Menschen um einen herum sind, sollte man Folgendes tun, um die psychologischen Blockaden der Umstehenden zu lösen:
- Personen direkt ansprechen:
„Sie dort in der roten Jacke, helfen Sie mir!“ (Löst die Verantwortungsdiffusion auf). - Klare Anweisungen geben:
„Rufen Sie den Krankenwagen!“ - Eindeutigkeit schaffen:
Laut rufen: „Ich brauche Hilfe, das ist ein Notfall!“ (Verhindert pluralistische Ignoranz).