Dissoziative Identitätsstörung (DIS)
Die Dissoziative Identitätsstörung (DIS) – früher als multiple Persönlichkeitsstörung bezeichnet – stellt eine der komplexesten Diagnosen in der klinischen Psychologie dar. Sie ist durch die Existenz von zwei oder mehr unterscheidbaren Identitäten oder Persönlichkeitszuständen gekennzeichnet, die abwechselnd die Kontrolle über das Verhalten übernehmen.
1. Kernsymptomatik nach DSM-5 und ICD-11
Die klinische Diagnostik basiert auf spezifischen Kriterien, die über eine bloße „Stimmungsschwankung“ weit hinausgehen:
- Identitätsfragmentierung:
Die Anwesenheit von mindestens zwei distinkten Persönlichkeitsanteilen (Identitäten) (oft als „Alters“ oder „Innenpersonen“ bezeichnet). Diese haben eigene Namen, Vorlieben, Erinnerungen und teils sogar unterschiedliche physiologische Merkmale (z. B. Sehstärke oder Allergien). - Amnesien:
Es treten Lücken bei der Erinnerung an alltägliche Ereignisse, wichtige persönliche Informationen oder traumatische Erlebnisse auf, die über gewöhnliche Vergesslichkeit hinausgehen (sog. „Time-Loss“). - Kontrollverlust:
Die Betroffenen erleben das Gefühl, dass ihre Handlungen, Impulse oder Emotionen nicht von ihnen selbst gesteuert werden.
Ätiologie: Die Entstehung als Schutzmechanismus
Die moderne Psychotraumatologie versteht die DIS nicht als „Defekt“, sondern als eine kreative Überlebensstrategie des kindlichen Gehirns.
- Traumatisierung:
In fast 90 % der Fälle liegen schwere, chronische Traumatisierungen (meist physische oder sexualisierte Gewalt) in der frühen Kindheit (vor dem 5. bis 6. Lebensjahr) vor. - Strukturelle Dissoziation:
Da das Kind das Trauma nicht integrieren kann und keine Fluchtmöglichkeit hat, „spaltet“ es das Erlebte ab. Ein Persönlichkeitsanteil funktioniert im Alltag weiter (der „Anscheinend Normale Persönlichkeitsanteil“, ANP), während die traumatischen Erinnerungen in einem oder mehreren „Emotionalen Persönlichkeitsanteilen“ (EP) isoliert werden.
Differenzialdiagnostik
Die DIS wird häufig missverstanden oder mit anderen Störungen verwechselt. Eine präzise Abgrenzung ist für die Therapie essenziell:
| Merkmal | DIS | Schizophrenie | Borderline (BPS) |
| Ursprung | Posttraumatisch | Neurobiologisch / Genetisch | Emotional / Relational |
| Stimmenhören | Innerlich (dialogisierend zwischen Anteilen) | Meist als äußere akustische Halluzination | Oft projektiv bei Stress |
| Realitätsbezug | In der Regel erhalten | Phasenweise verloren (Wahn) | Meist erhalten |
| Identität | Fragmentiert (mehrere Ichs) | Desorganisiert (zerfallendes Ich) | Instabil (diffuses Ich) |
Therapeutisches Vorgehen
Die Behandlung der DIS ist langfristig angelegt und folgt meist einem dreiphasigen Modell:
- Stabilisierungsphase:
Aufbau von Sicherheit, Affektregulation und Techniken zur Unterbindung von unkontrollierten Dissoziationen (Erdung). - Traumabearbeitung:
Vorsichtige Integration der traumatischen Erinnerungen, oft durch die Kommunikation zwischen den verschiedenen Identitätsanteilen. - Integration oder Kooperation:
Das Ziel ist entweder die Verschmelzung der Anteile zu einer Identität oder – was häufiger realistisch ist – eine funktionale, harmonische Zusammenarbeit aller Anteile („Multiplizität als Team“).
Wissenschaftliche Kontroversen
Es ist anzumerken, dass die DIS in der Fachwelt über Jahrzehnte kontrovers diskutiert wurde. Während das posttraumatische Modell heute klinisch führend ist, gab es früher das soziokognitive Modell, welches die Störung als Produkt von Medieneinflüssen oder suggestiver Therapie darstellte. Bildgebende Verfahren (fMRT) konnten jedoch zeigen, dass verschiedene Persönlichkeitsanteile bei DIS-Patienten unterschiedliche neuronale Aktivierungsmuster aufweisen, was die Diagnose objektiviert hat.