Drogeninduzierte Psychose

Eine drogeninduzierte Psychose (substanzinduzierte psychotische Störung) beschreibt einen Zustand, bei dem der Konsum psychoaktiver Substanzen Symptome auslöst, die einer Schizophrenie sehr ähnlich sind. Der entscheidende Unterschied ist der direkte zeitliche Zusammenhang mit dem Substanzkonsum oder dem Entzug.

In der klinischen Praxis (nach AMDP und ICD) wird dieser Zustand oft als „Modellpsychose“ betrachtet, da er zeigt, wie massiv die Neurochemie das Ich-Erleben beeinflussen kann.

Symptomatik: Was passiert im Kopf?

Die Symptome treten meist während oder kurz nach dem Konsum auf. Im Gegensatz zur chronischen Schizophrenie klingen sie oft ab, sobald die Substanz abgebaut ist – allerdings nicht immer.

  • Sinnestäuschungen:
    Häufig optische Halluzinationen (v. a. bei Halluzinogenen) oder taktile Halluzinationen (das Gefühl, Insekten krabbeln unter der Haut – typisch bei Kokain/Amphetaminen).
  • Wahnhafte Wahrnehmung:
    Die Umwelt wird auf das eigene Ich bezogen. Ein vorbeifahrendes Auto wird zur Überwachung, ein Lachen zum Spott.
  • Ich-Störungen:
    Das Gefühl, die Kontrolle über die eigenen Gedanken zu verlieren oder dass die Körpergrenzen verschwimmen.
  • Massive Affektstörung:
    Extreme Angst („Horrortrip“), Panik oder auch eine aggressive Enthemmung.

Die Rolle verschiedener Substanzen

Unterschiedliche Drogen greifen an verschiedenen Rezeptorsystemen an und erzeugen daher spezifische psychotische Muster:

SubstanzklasseTypische psychotische MerkmaleMechanismus
CannabisParanoia, Depersonalisation, Zeitgitterstörungen.Störung des Endocannabinoid-Systems; beeinträchtigt die Reizfilterung.
Stimulanzien (Speed, Koks, Crystal)Verfolgungswahn, taktile Halluzinationen, extreme Getriebenheit.Massive Dopamin-Ausschüttung (ähnlich der Dopamin-Hypothese der Schizophrenie).
Halluzinogene (LSD, Pilze)Pseudohalluzinationen (man weiß, dass es nicht echt ist), Synästhesien.Überstimulation von Serotonin-Rezeptoren (5-HT2A).
Synthetische Cannabinoide („Spice“)Oft sehr schwere, langanhaltende Psychosen mit hoher Aggressivität.Hochpotente Bindung an Rezeptoren; oft toxischer als natürliches THC.

Die „Entlarvungs-Hypothese“

Ein kritischer Punkt in der Psychologie ist die Frage: Erzeugt die Droge die Psychose bei jedem, oder nur bei bestimmten Personen?

Hier kommt das Vulnerabilitäts-Stress-Modell ins Spiel.

Man geht davon aus, dass Drogen bei vielen Menschen als „Katalysator“ wirken. Das bedeutet: Die Person hatte bereits eine genetische oder biographische Veranlagung (Vulnerabilität) für eine Psychose. Der Drogenkonsum ist der extreme Stressor, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Wichtig: Wenn die Symptome länger als sechs Monate nach dem Konsum bestehen bleiben, spricht man oft von einer „überdauernden“ Psychose oder der Manifestation einer Schizophrenie, die durch die Droge lediglich früher ausgelöst wurde.

Differentialdiagnose nach AMDP

Um eine drogeninduzierte Psychose von einer Schizophrenie abzugrenzen, achten Kliniker auf:

  • Bewusstseinsstörungen:
    Diese treten bei drogeninduzierten Zuständen häufiger auf (z. B. Bewusstseinstrübung), während Schizophrenie-Patienten oft bei klarem Bewusstsein psychotisch sind.
  • Vegetative Symptome:
    Starkes Schwitzen, Herzrasen, Pupillenveränderungen (Hinweis auf akuten Substanzfluss).
  • Rückbildung:
    Das schnelle Verschwinden der Symptome nach der Entgiftung.

Therapie

  1. Akutphase:
    Sicherheit herstellen (Reizabschirmung), eventuell Gabe von Benzodiazepinen zur Beruhigung oder hochpotenten Antipsychotika, um die Dopamin-Blockade wiederherzustellen.
  2. Abstinenz:
    Das A und O. Da das Gehirn nun „sensibilisiert“ ist, kann schon ein einmaliger erneuter Konsum die Psychose sofort wieder triggern.
  3. Psychoedukation:
    Dem Patienten das Vulnerabilitäts-Stress-Modell erklären, damit er versteht, warum sein Gehirn so auf die Substanz reagiert hat.