Emotionale Taubheit

In der Psychologie wird emotionale Taubheit (oft auch als Emotional Numbing oder Affektverflachung bezeichnet) als ein Zustand beschrieben, in dem ein Mensch unfähig ist, Gefühle in ihrer normalen Intensität wahrzunehmen. Es ist kein „Nicht-Fühlen“ im biologischen Sinne, sondern eher ein innerer Schutzpanzer, den die Psyche errichtet.

Was passiert psychologisch?

Emotionale Taubheit ist oft ein Dissoziationsphänomen. Das Gehirn schaltet die emotionale Reaktivität herunter, um das Individuum vor Überwältigung zu schützen.

  • Der „Sicherungsschalter“:
    Wenn Schmerz, Angst oder Stress ein unerträgliches Maß erreichen, „brennt die Sicherung durch“. Das System geht in einen Energiesparmodus, um das Überleben zu sichern.
  • Verlust der Polarität:
    Das Problem dieses Schutzes ist, dass man Gefühle nicht selektiv betäuben kann. Wer den Schmerz ausschaltet, verliert oft auch die Fähigkeit, Freude, Begeisterung oder Liebe zu empfinden. Die Welt wirkt wie „hinter einer Glasscheibe“ oder „in Grau gefiltert“.

Ursachen und Störungsbilder

Emotionale Taubheit ist selten ein eigenständiges Krankheitsbild, sondern meist ein Symptom:

Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)

Nach einem Trauma ist die emotionale Taubheit ein Kernsymptom. Die Psyche versucht, eine Reaktivierung des Traumas zu verhindern, indem sie alle emotionalen Reize blockiert.

Depression

Hier tritt die Taubheit oft als Anhedonie (Unfähigkeit, Freude zu empfinden) auf. Patienten berichten oft, dass sie lieber traurig wären, als gar nichts zu fühlen, da die Leere schmerzhafter ist als der Schmerz selbst.

Chronischer Stress und Burnout

Wenn das Hormonsystem (Cortisol) über Jahre auf Hochtouren läuft, tritt irgendwann eine emotionale Erschöpfung ein. Die Hypophyse und die Nebennieren können die ständige Alarmbereitschaft nicht mehr aufrechterhalten, und das System „reguliert sich nach unten“.

Die neurobiologische Komponente

Botenstoffe spielen im Zusammenhang mit emotionaler Taubheit eine große Rolle:

  • Amygdala-Inhibition:
    Bei emotionaler Taubheit zeigt die Amygdala (unser Gefühlszentrum) oft eine deutlich verringerte Aktivität auf Reize, die normalerweise Emotionen auslösen würden.
  • Opioid-System:
    Der Körper schüttet bei extremem Stress endogene Opioide (körpereigene Betäubungsmittel) aus, die die Schmerzwahrnehmung und das emotionale Erleben dämpfen.

Wege aus der Taubheit

Die psychologische Behandlung zielt darauf ab, das Sicherheitsgefühl so weit wiederherzustellen, dass die „Sicherung“ wieder eingeschaltet werden kann.

  1. Körpertherapie:
    Da Gefühle stark im Körper verankert sind (Herzrasen, Kloß im Hals), beginnt die Heilung oft damit, wieder kleine körperliche Empfindungen (Temperatur, Druck) wahrzunehmen.
  2. Achtsamkeit:
    Wertfreies Beobachten der Leere, ohne sie zu bekämpfen.
  3. Ressourcenarbeit:
    Das Nervensystem muss lernen, dass die Gefahr vorbei ist, damit das Oxytocin-System und andere soziale Bindungshormone wieder greifen können.

Einordnung im Vergleich

Zustand Fokus
Traurigkeit Ein aktives, tiefes Gefühl.
Apathie Mangel an Motivation und Antrieb.
Emotionale Taubheit Ein aktiver Schutzmechanismus durch Gefühlsblockade.

Abgrenzung zur Affektverflachung

Obwohl die Begriffe oft synonym verwendet bzw. vermischt werden, gibt es einen feinen psychologischen Unterschied zwischen emotionaler Taubheit und Affektverflachung:

Merkmal Affektverflachung Emotionale Taubheit
Perspektive Primär die Außenwirkung (Ausdruck). Primär das Innenleben (Empfinden).
Dauer Oft chronisch (z. B. bei Schizophrenie). Oft episodisch oder reaktiv (nach Trauma).
Bewusstsein Dem Betroffenen oft selbst gar nicht so bewusst. Wird oft als schmerzhafter Mangel erlebt („Ich fühle nichts“).