Expressed Emotion (EE)

Das Konzept der Expressed Emotion (EE) (deutsch: ausgedrückte Gefühle) beschreibt ein spezifisches Muster der Kommunikation und emotionalen Interaktion zwischen psychisch erkrankten Personen und ihren nahen Angehörigen. Es gilt in der klinischen Psychologie als einer der stärksten Prädiktoren für die Rückfallquote bei Störungen wie Schizophrenie, Depression oder Essstörungen.

Ursprung und Entwicklung

Das Konzept wurde in den 1950er und 60er Jahren von dem britischen Psychologen George Brown und seinen Kollegen (u. a. Michael Rutter) am Maudsley Hospital in London entwickelt.

Brown bemerkte, dass Patienten mit Schizophrenie, die nach dem Klinikaufenthalt in ihre Ursprungsfamilien zurückkehrten, sehr unterschiedliche Heilungsverläufe zeigten. Er stellte fest, dass nicht nur die Medikation, sondern vor allem das emotionale Klima innerhalb der Familie entscheidend dafür war, ob ein Patient stabil blieb oder einen Rückfall erlitt.

Die drei Hauptkomponenten von High-EE

Familien werden in der Forschung entweder als „High-EE“ (hohe EE) oder „Low-EE“ (niedrige EE) klassifiziert. Ein hohes EE-Niveau setzt sich aus drei wesentlichen Verhaltensweisen der Angehörigen zusammen:

  1. Kritische Anmerkungen (Criticism):
    Abfällige Bemerkungen über das Verhalten oder die Persönlichkeit des Erkrankten (z. B. „Er ist einfach nur faul und will nicht aufstehen“).
  2. Feindseligkeit (Hostility):
    Eine tiefgreifendere Ablehnung der Person als Ganzes, oft verbunden mit Schuldzuweisungen für die Erkrankung.
  3. Emotionales Überengagement (Emotional Over-Involvement – EOI):
    Ein überbeschützendes, aufopferndes oder kontrollierendes Verhalten. Angehörige neigen dazu, dem Kranken jede Entscheidung abzunehmen oder ihn mitleidig zu „erdrücken“, was den Stresspegel des Patienten massiv erhöht.

Psychologischer Mechanismus: Stress und Vulnerabilität

Das EE-Konzept lässt sich perfekt in das Diathese-Stress-Modell integrieren:

  • Der Patient besitzt eine biologische Verletzlichkeit (Diathese).
  • Ein High-EE-Klima wirkt als permanenter Stressfaktor.
  • Da Menschen mit Schizophrenie oder Depression oft Schwierigkeiten bei der Reizverarbeitung haben, führt die ständige Kritik oder Überfürsorge zu einer physiologischen Übererregung, die schließlich den Rückfall auslöst.

Diagnostik: Das Camberwell Family Interview (CFI)

Um das EE-Niveau zu messen, entwickelte die Arbeitsgruppe um Brown das Camberwell Family Interview. Dabei handelt es sich um ein halbstrukturiertes Interview mit den Angehörigen (ohne den Patienten). Es wird nicht nur analysiert, was gesagt wird, sondern vor allem, wie es gesagt wird (Tonfall, Mimik, Geschwindigkeit).

Therapeutische Konsequenz: Psychoedukation

Die Erkenntnisse über Expressed Emotion haben die Therapie revolutioniert. Statt den Angehörigen die „Schuld“ zu geben, setzt man heute auf familienzentrierte Psychoedukation:

  • Angehörige lernen, dass Symptome (wie Antriebslosigkeit) Teil der Krankheit sind und keine Faulheit.
  • Es werden Strategien vermittelt, um Kritik zu reduzieren und dem Patienten mehr Freiraum zu lassen (Senkung des Emotional Overinvolvement (EOI)).
  • Ziel: Transformation eines High-EE-Umfelds in ein unterstützendes Low-EE-Umfeld.

Zusammenfassung

Das von George Brown entwickelte Konzept der Expressed Emotion beschreibt die emotionale Grundhaltung von Angehörigen gegenüber einem psychisch Kranken, wobei hohe Werte an Kritik und Überfürsorge das Rückfallrisiko signifikant erhöhen. Die Forschung zeigt, dass eine Reduktion dieser emotionalen Spannungen durch familiäre Unterstützung den Genesungsverlauf messbar stabilisiert.