Ferienlager-Experiment (Sherif)

Das Ferienlager-Experiment (offiziell: Robbers Cave Experiment), das der Sozialpsychologe Muzafer Sherif im Jahr 1954 durchführte, ist eine der berühmtesten Studien zur Entstehung von Vorurteilen, Gruppenkonflikten und deren Überwindung.

Es zeigt eindrucksvoll, wie schnell soziale Identitäten entstehen und wie „wir gegen die anderen“-Dynamiken manipuliert werden können.

Der Ablauf des Experiments

Sherif teilte 22 elfjährige Jungen, die sich vorher nicht kannten, in zwei Gruppen auf. Das Experiment verlief in drei Phasen:

Phase 1: Gruppenbildung

Die Gruppen (die „Adler“ und die „Klapperschlangen“) lebten getrennt voneinander. Sie entwickelten eigene Normen, Symbole und Hierarchien.

  • Psychologischer Effekt:
    Innerhalb kürzester Zeit entstand eine starke soziale Identität und Bindung.

Phase 2: Konfliktphase

Sherif führte Wettbewerbe ein (z. B. Tauziehen, Baseball), bei denen es nur einen Gewinner geben konnte.

  • Ergebnis:
    Es kam zu massiver sozialer Ausgrenzung der jeweils anderen Gruppe. Die Jungen entwickelten gegenseitige Beschimpfungen, verbrannten die Flaggen der anderen und plünderten deren Hütten.
  • Erkenntnis:
    Allein der Wettbewerb um knappe Ressourcen führt zu Stereotypisierung und Feindseligkeit.

Phase 3: Integrationsphase

Zuerst versuchte Sherif, die Gruppen durch gemeinsame angenehme Aktivitäten (z. B. Kino) zu versöhnen – das scheiterte jedoch kläglich und endete in Essensschlachten.

Der Durchbruch gelang erst durch übergeordnete Ziele (Superordinate Goals): Sherif inszenierte Notlagen, die nur gemeinsam gelöst werden konnten (z. B. die defekte Wasserversorgung reparieren oder einen liegengebliebenen LKW ziehen).

  • Ergebnis:
    Durch die notwendige Kooperation lösten sich die Feindbilder auf; am Ende fuhren alle Jungen gemeinsam in einem Bus nach Hause.

Zentrale psychologische Erkenntnisse

  1. Realistischer Gruppenkonflikt (Realistic Conflict Theory):
    Vorurteile entstehen nicht einfach so, sondern durch den Wettbewerb um tatsächliche oder wahrgenommene Ressourcen.
  2. In-Group/Out-Group-Bias:
    Wir neigen dazu, die eigene Gruppe aufzuwerten und die andere Gruppe abzuwerten, sobald eine Kategorisierung stattgefunden hat.
  3. Die Kraft übergeordneter Ziele:
    Kooperation ist das wirksamste Mittel zur Reduktion von Gruppenhass. Wenn das Überleben oder der Erfolg von der Zusammenarbeit abhängt, wird die soziale Ausgrenzung biologisch und kognitiv unlogisch.

Bedeutung für die heutige Psychologie

Das Experiment warnt davor, wie leicht Gruppendenken und Feindseligkeit künstlich erzeugt werden können. Gleichzeitig liefert es eine Lösung: Um Spaltungen zu überwinden, muss man Ziele finden, die größer sind als die Identität der einzelnen Untergruppen.

Psychologische Einordnung

Tajfel und Turner konnten Jahre später mithilfe des Minimal-Group-Paradigmas der Sozialen Identitätstheorie (SIT) zeigen, dass zwischen die Gruppen nicht, wie von Sherif angenommen eine realer Konflikt um Ressourcen vorhanden sein muss, sondern dass allein das „anders-sein“ ausreicht, um den Gruppenkonflikt hervorzurufen.

Zusammenfassung

Das Ferienlager-Experiment demonstriert, dass soziale Konflikte und Ausgrenzung durch Wettbewerb um Ressourcen entstehen, aber durch die Zusammenarbeit an gemeinsamen, übergeordneten Zielen effektiv aufgelöst werden können.