Gehorsam

In der Psychologie, insbesondere der Sozialpsychologie, bezeichnet Gehorsam (oder gehorsames Verhalten, engl. obedience) eine Form der sozialen Einflussnahme, bei der eine Person den Anweisungen oder Befehlen einer Autoritätsperson folgt – oft auch dann, wenn diese Anweisungen im Widerspruch zum eigenen Gewissen oder moralischen Werten stehen.

Im Gegensatz zur Konformität (Anpassung an eine Gruppe von Gleichgestellten) setzt Gehorsam eine hierarchische Struktur voraus.

Die Meilensteine der Gehorsamsforschung

Die Psychologie hat sich vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg intensiv mit der Frage beschäftigt, warum Menschen bereit sind, Grausamkeiten zu begehen, wenn sie „nur Befehle ausführen“.

Das Milgram-Experiment (Stanley Milgram, 1961)

Dies ist die bekannteste Studie zum Thema. Probanden wurden angewiesen, einer anderen Person (einem Schauspieler) bei Fehlern in einem Lern-Test elektrische Schläge zu verabreichen. Die Spannung wurde bis auf lebensgefährliche 450 Volt gesteigert.

  • Ergebnis:
    Rund 65 % der Teilnehmer gingen bis zur maximalen Volt-Zahl, allein weil die Versuchsleitung (die Autorität) mit Sätzen wie „Das Experiment erfordert, dass Sie weitermachen“ darauf beharrte.
  • Erkenntnis:
    Die Situation und die Präsenz einer Autorität wiegen oft schwerer als individuelle moralische Bedenken.

Das Stanford-Prison-Experiment (Philip Zimbardo, 1971)

Hier wurde untersucht, wie soziale Rollen Gehorsam und Machtmissbrauch fördern. Studenten wurden zufällig in „Wärter“ und „Gefangene“ eingeteilt.

  • Ergebnis:
    Die Wärter entwickelten in kürzester Zeit autoritäre und teilweise sadistische Verhaltensweisen, während die Gefangenen sich unterwarfen oder psychisch zusammenbrachen.
  • Erkenntnis:
    Deindividuation und institutionelle Rahmenbedingungen verstärken den Gehorsam gegenüber (selbst neu geschaffenen) Rollenbildern.

Warum gehorchen wir? (Psychologische Faktoren)

Es gibt mehrere Mechanismen, die erklären, warum Menschen in Gehorsam verfallen:

  • Agentic State (Zustand der Stellvertretung):
    Nach Milgram wechseln Menschen in einen Modus, in dem sie sich nur noch als Werkzeug der Autorität sehen. Sie fühlen sich für die Ausführung, aber nicht mehr für die Folgen verantwortlich (Verschiebung der Verantwortung).
  • Legitimität der Autorität:
    Wir gehorchen eher, wenn wir die Autorität als rechtmäßig anerkennen (z. B. durch Uniformen, Titel oder institutionelle Einbindung).
  • Schrittweise Eskalation:
    Gehorsam beginnt oft mit kleinen, harmlosen Bitten. Wer einmal „Ja“ gesagt hat, empfindet es als psychologisch schwierig, bei der nächsten Steigerung „Nein“ zu sagen (verwandt mit dem Foot-in-the-door-Effekt).

Determinanten des Gehorsams

Die Stärke des Gehorsams hängt stark von den Rahmenbedingungen ab:

Faktor Einfluss auf den Gehorsam
Nähe zur Autorität Je physisch präsenter der Befehlshaber, desto höher der Gehorsam.
Distanz zum Opfer Je weniger man das Leid des Opfers sieht oder hört, desto leichter fällt der Gehorsam.
Präsenz von Abweichlern Wenn eine andere Person den Gehorsam verweigert, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass man selbst weiter gehorcht, massiv.

Abgrenzung: Gehorsam vs. Konformität

Gehorsam Konformität
Hierarchisch (Oben nach Unten) Horizontal (Gleichrangige)
Explizite Befehle/Anweisungen Impliziter Druck (Dazugehören wollen)
Fokus auf Gehorsamspflicht Fokus auf Ähnlichkeit mit der Gruppe

Zusammenfassung: In der Psychologie beschreibt Gehorsam das Befolgen von Anweisungen einer als legitim anerkannten Autorität, wobei die soziale Situation oft eine stärkere Wirkung auf das Handeln ausübt als die individuellen moralischen Überzeugungen.