Glaubenssätze
In der kognitiven Psychologie werden Glaubenssätze als zentrale kognitive Schemata oder Grundüberzeugungen (Core Beliefs) definiert. Sie bilden das tiefste Fundament unseres kognitiven Systems und fungieren als übergeordnete Filter, durch die wir die Realität wahrnehmen, bewerten und interpretieren.
Das Drei-Ebenen-Modell der Kognition
Die kognitive Psychologie unterscheidet zwischen verschiedenen Ebenen der Kognition. Glaubenssätze befinden sich auf der untersten, am schwersten zugänglichen Ebene.
| Ebene | Bezeichnung | Charakteristik | Beispiel |
| 1. Oberfläche | Automatische Gedanken | Schnell, situativ, oft unbewusst; reagieren auf Ereignisse. | „Das schaffe ich in der Zeit niemals!“ |
| 2. Zwischenebene | Lebensregeln / Attitüden (Grundannahmen) | Bedingte Annahmen („Wenn-Dann“-Sätze), die unser Verhalten steuern. | „Wenn ich keine Fehler mache, bin ich sicher.“ |
| 3. Fundament | Glaubenssätze (Grundüberzeugungen) | Absolute, zeitstabile Generalisierungen über sich selbst, andere und die Welt. | „Ich bin unfähig.“ oder „Die Welt ist gefährlich.“ |
Die Funktion als kognitive Filter
Ein Glaubenssatz ist psychologisch gesehen keine bloße Meinung, sondern eine organisatorische Struktur. Er steuert die Informationsverarbeitung durch:
- Selektive Aufmerksamkeit:
Das Gehirn sucht aktiv nach Beweisen, die den Glaubenssatz bestätigen (Confirmation Bias). - Verzerrte Interpretation:
Neutrale oder sogar positive Ereignisse werden so umgedeutet, dass sie in das bestehende Schema passen. Ein Erfolg in einer Prüfung wird beispielsweise nicht der eigenen Kompetenz, sondern dem „Zufall“ zugeschrieben.
Entstehung und Stabilität
Glaubenssätze entstehen primär durch biografische Lernprozesse. In der Kindheit helfen sie dem Individuum, komplexe soziale Erfahrungen zu ordnen und Vorhersagen zu treffen. Einmal etabliert, sind sie extrem stabil, da sie dem Selbstbild Konsistenz verleihen. Das Gehirn bevorzugt eine (auch negative) bekannte Struktur gegenüber der Unsicherheit einer Veränderung.
Die kognitive Triade
In der klinischen Psychologie ist besonders die kognitive Triade relevant, die beschreibt, wie negative Glaubenssätze drei Bereiche gleichzeitig belasten:
- Die Sicht auf die eigene Person.
- Die Sicht auf die Umwelt.
- Die Sicht auf die Zukunft.
Relevanz für die Praxis (z. B. Prüfungsangst)
Wenn ein Glaubenssatz wie „Meine Leistung bestimmt meinen Wert“ aktiv ist, wird jede Prüfungssituation psychologisch zu einer existenziellen Bedrohung. Die kognitive Psychologie setzt hier mit der kognitiven Umstrukturierung an: Der Glaubenssatz wie eine wissenschaftliche Hypothese behandelt, die durch Gegenbeweise im Alltag (Realitätstests) schrittweise entkräftet wird.