Gruppendenken (Groupthink)
In der Sozialpsychologie beschreibt Gruppendenken (engl. Groupthink) ein Phänomen, bei dem das Streben nach Harmonie und Konformität innerhalb einer Gruppe zu fehlerhaften oder dysfunktionalen Entscheidungen führt.
Das Konzept wurde primär durch den US-amerikanischen Sozialpsychologen Irving Janis geprägt. Er beobachtete, dass hochkohäsive (eng verbundene) Gruppen dazu neigen, alternative Sichtweisen und kritische Einwände zu unterdrücken, um den Gruppenfrieden nicht zu gefährden.
Voraussetzungen für Gruppendenken
Bestimmte Faktoren begünstigen, dass eine Gruppe in diese psychologische Falle tappt:
- Hoher Gruppenzusammenhalt:
Die Mitglieder identifizieren sich so stark mit der Gruppe, dass Abweichung als Verrat empfunden wird. - Isolierung:
Die Gruppe schottet sich gegen Expertenmeinungen oder externe Kritik ab. - Direktive Führung:
Ein dominanter Anführer gibt die Richtung vor, bevor die Gruppe offen diskutiert hat. - Hoher Stress:
Zeitdruck oder äußere Bedrohungen erhöhen den Wunsch nach schneller Einigkeit.
Die Symptome von Gruppendenken
Janis identifizierte acht Symptome, die darauf hindeuten, dass eine Gruppe ihre rationale Urteilskraft verliert:
- Illusion der Unverwundbarkeit:
Übermäßiger Optimismus, der dazu führt, Risiken zu ignorieren. - Unerschütterlicher Glaube an die Gruppenmoral:
Die moralischen Konsequenzen des Handelns werden nicht hinterfragt. - Kollektive Rationalisierung:
Warnsignale werden systematisch wegerklärt. - Stereotypisierung von Außenstehenden:
Gegner werden als schwach, dumm oder böse betrachtet. - Selbstzensur:
Zweifel werden aus Angst vor Ablehnung nicht ausgesprochen. - Illusion der Einstimmigkeit:
Schweigen wird fälschlicherweise als Zustimmung gewertet. - Direkter Druck auf Abweichler:
Wer Kritik übt, wird unter Druck gesetzt, sich anzupassen. - Selbsternannte „Gedankenwächter“ (Mindguards):
Einzelne Mitglieder schützen die Gruppe aktiv vor widersprüchlichen Informationen.
Beispiele von Gruppendenken mit fatalen Folgen
In der Psychologie dient das Konzept des Gruppendenkens oft dazu, historisches oder organisatorisches Versagen zu erklären. Diese Beispiele zeigen, wie selbst hochintelligente Experten fatale Fehlentscheidungen treffen, wenn der psychologische Druck zur Konformität zu groß wird.
1. Die Challenger-Katastrophe (1986)
Eines der am häufigsten zitierten Beispiele aus der Organisationspsychologie. Trotz Warnungen der Ingenieure vor den Risiken der O-Ringe bei niedrigen Temperaturen entschied die NASA-Leitung für den Start.
- Symptome:
Die Führungsebene stand unter massivem politischem Zeitdruck (Stress). Warnsignale wurden kollektiv rationalisiert und die Ingenieure (Abweichler) unter Druck gesetzt, ihre Bedenken zurückzuziehen, um die „Einigkeit“ der Mission nicht zu gefährden.
2. Die Invasion in der Schweinebucht (1961)
Präsident John F. Kennedy und sein Beraterstab planten den Sturz von Fidel Castro. Obwohl der Plan militärisch höchst lückenhaft war, wagte niemand im engsten Kreis, fundamentale Kritik zu äußern.
- Symptome:
Es herrschte eine Illusion der Einstimmigkeit. Kritische Stimmen innerhalb des Beraterstabs unterdrückten ihre Zweifel (Selbstzensur), um die Harmonie der neuen, charismatischen Regierungsgruppe nicht zu stören.
3. Der Untergang der Swissair (2001)
Die ehemals als „fliegende Bank“ bekannte Airline kollabierte aufgrund einer riskanten Expansionsstrategie.
- Symptome:
Das Managementboard bestand aus einer sehr homogenen Gruppe von Wirtschaftseliten, die sich für unverwundbar hielten (Illusion der Unverwundbarkeit). Externe Kritik wurde ignoriert und kritische Analysen durch interne „Gedankenwächter“ vom Kern der Entscheidungsträger ferngehalten.
4. Medizinische Fehlbehandlungen (Teams im Krankenhaus)
Gruppendenken tritt häufig in hierarchischen Strukturen wie chirurgischen Teams auf. Wenn ein Chefarzt eine Fehldiagnose stellt, trauen sich nachgeordnete Ärzte oder Pflegekräfte oft nicht, zu widersprechen.
- Symptome:
Die direktive Führung und der hohe Stresspegel führen dazu, dass die Gruppe die Meinung der Autoritätsperson unhinterfragt übernimmt, um soziale Sanktionen oder Konflikte zu vermeiden.
Psychologische Analyse der Beispiele
In all diesen Fällen lässt sich beobachten, dass das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und die Angst vor sozialer Ausgrenzung die rationale Logik außer Kraft setzen. Der Wunsch, „Teil des Teams“ zu bleiben, wiegt schwerer als die Angst vor den sachlichen Konsequenzen der Fehlentscheidung.
| Beispiel | Haupt-Symptom | Psychologische Folge |
| NASA | Direkter Druck auf Abweichler | Sicherheitsrisiken wurden kleingeredet. |
| Schweinebucht | Selbstzensur | Fehlplanung wurde nicht korrigiert. |
| Swissair | Illusion der Unverwundbarkeit | Realitätsverlust des Managements. |
Historische Beispiele wie die Challenger-Katastrophe oder die Schweinebucht-Invasion verdeutlichen, dass Gruppendenken vor allem dann auftritt, wenn der soziale Druck zur Einigkeit die kritische Bewertung von Risiken und Fakten systematisch ausschaltet.
Folgen für die psychische Integrität
Gruppendenken ist nicht nur organisatorisch gefährlich, sondern belastet auch die psychische Integrität des Einzelnen:
- Kognitive Dissonanz:
Mitglieder müssen ihre eigene Wahrnehmung unterdrücken, was inneren Stress erzeugt. - Verlust der Autonomie:
Das Grundbedürfnis nach Autonomie (siehe Deci & Ryan) wird verletzt, da die eigene Urteilskraft der Gruppenmeinung geopfert wird. - Erhöhte allostatische Last:
Die Angst, durch eine abweichende Meinung soziale Ausgrenzung zu erfahren, hält das Nervensystem in dauerhafter Alarmbereitschaft.
Strategien zur Vermeidung
Um Gruppendenken zu verhindern, empfiehlt die Psychologie aktive Gegenmaßnahmen:
- Advocatus Diaboli:
Ein Mitglied wird explizit damit beauftragt, Gegenargumente und Schwachstellen zu suchen. - Anonymes Feedback:
Abfragen von Meinungen, bevor eine offene Diskussion stattfindet. - Heterogenität:
Die Gruppe bewusst mit Menschen unterschiedlicher Hintergründe besetzen. - Führungs-Zurückhaltung:
Leiter sollten ihre Meinung erst am Ende des Prozesses äußern.
Zusammenfassend ist Gruppendenken ein psychologischer Fehlprozess in eng vernetzten Gruppen, bei dem der Wunsch nach Konsens die kritische Prüfung von Alternativen verdrängt und so zu irrationalen Fehlentscheidungen führt.