Hass

In der Psychologie wird Hass nicht nur als „starke Abneigung“ betrachtet, sondern als ein komplexes, oft chronisches Gefühlskonstrukt. Während Wut meist ein kurzfristiger Affekt auf eine akute Bedrohung ist, zeichnet sich Hass durch seine Dauerhaftigkeit und die tiefe Abwertung des Objekts aus.

Die psychologische Struktur des Hasses

Hass ist selten ein „reines“ Gefühl. Er setzt sich meist aus verschiedenen Komponenten zusammen:

  • Abwertung:
    Das Gegenüber wird als minderwertig, böse oder gar als „unmenschlich“ wahrgenommen.
  • Vernichtungs- oder Schadenswunsch:
    Im Gegensatz zu Ärger (der eine Situation klären will) zielt Hass oft auf die psychische oder physische Zerstörung des Objekts ab.
  • Bindung:
    Paradoxerweise bindet Hass den Hassenden extrem stark an das Gehasste. Man beschäftigt sich gedanklich intensiv mit der anderen Person – Hass ist somit eine Form von „negativer Leidenschaft“.

Das „Dreieck des Hasses“ (nach Robert Sternberg)

Der Psychologe Robert Sternberg entwickelte ein Modell, wonach Hass aus drei Elementen besteht:

  1. Distanzierung:
    Ekel und Abscheu, um Distanz zu schaffen.
  2. Leidenschaft:
    Intensive Wut oder Angst.
  3. Entscheidung/Verpflichtung:
    Die kognitive Entscheidung, die Abwertung beizubehalten (Vorurteile).

Warum hassen wir? (Ursachen)

Hass erfüllt oft eine unbewusste Funktion für die eigene Psyche:

  • Selbstwertschutz:
    Wenn das eigene Selbstwertgefühl bedroht ist, kann Hass auf andere helfen, sich selbst wieder „erhaben“ oder „überlegen“ zu fühlen.
  • Projektion:
    Anteile, die wir an uns selbst hassen (der „Schatten“ nach C. G. Jung), projizieren wir auf andere und bekämpfen sie dort leidenschaftlich.
  • Zugehörigkeit:
    Gemeinsamer Hass schweißt Gruppen extrem stark zusammen (Wir-Gefühl durch Abgrenzung nach außen, vgl.: Soziale Identitätstherorie).

Die „Hass-Spirale“ und das Schwarz-Weiß-Denken

Hass ist der ultimative Ausdruck von dichotomem Denken. In einem Zustand des Hasses gibt es keine Grauzonen mehr:

  • Der Gehasste ist zu 100 % böse.
  • Eigene Fehler werden ausgeblendet.
  • Nuancen in der Wahrnehmung gehen verloren (kognitive Einengung).

Der Preis des Hasses

Hass schadet langfristig vor allem demjenigen, der ihn empfindet.

Ein bekanntes Zitat besagt: „Hassen ist wie Gift trinken und darauf warten, dass der andere stirbt.“

Wege aus dem Hass

Da Hass oft auf alten Verletzungen basiert, ist die Aufarbeitung in der Psychologie oft ein Prozess der Integration:

  1. Reflexion der Projektion:
    Was hat dieser Mensch mit mir zu tun? Welchen Teil meines „Schattens“ sehe ich in ihm?
  2. Empathie-Entwicklung:
    Den anderen wieder als komplexes Wesen mit Fehlern und Stärken wahrnehmen (Aufbrechen des Schwarz-Weiß-Denkens).
  3. Selbstmitgefühl:
    Oft ist der Hass auf andere nur eine Umleitung von tiefem Selbsthass oder Schmerz.

Zusammenfassend ist Hass eine verzweifelte Form der Bindung, die versucht, die eigene Ohnmacht durch die Abwertung oder Zerstörung des Anderen zu überwinden, dabei jedoch den Hassenden dauerhaft an das Objekt seines Schmerzes kettet.