Hyperarousal
In der Psychologie bezeichnet Hyperarousal (Übererregung) einen Zustand dauerhafter physiologischer und psychischer Übererregung. Es ist eines der Kernsymptome der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), kann aber auch bei Angststörungen oder chronischem Stress auftreten.
Das Nervensystem befindet sich dabei in einer ständigen Alarmbereitschaft („Fight-or-Flight“), selbst wenn keine reale Gefahr besteht.
Symptome des Hyperarousal
Betroffene stehen unter einer „Dauerspannung“, die sich auf verschiedenen Ebenen zeigt:
- Schreckhaftigkeit:
Übertriebene Reaktion auf harmlose Reize (z. B. ein herabfallender Stift oder ein lautes Geräusch). - Schlafstörungen:
Schwierigkeiten beim Ein- oder Durchschlafen, da der Körper nicht in den Entspannungsmodus schaltet. - Reizbarkeit:
Plötzliche Wutausbrüche oder eine sehr niedrige Frustrationstoleranz. - Konzentrationsprobleme:
Das Gehirn scannt permanent die Umgebung nach Gefahren ab, wodurch kognitive Kapazitäten für andere Aufgaben fehlen. - Physiologische Anzeichen:
Erhöhter Puls, flache Atmung, Muskelverspannungen und Schwitzen.
Das „Window of Tolerance“ (Toleranzfenster)
Um Hyperarousal zu verstehen, nutzt die Psychologie oft das Modell des Window of Tolerance von Dan Siegel.
- Optimales Fenster:
Der Bereich, in dem wir Emotionen regulieren und klar denken können. - Hyperarousal (Obere Grenze):
Die Erregung schießt über das Fenster hinaus. Es kommt zu Panik, Kampf- oder Fluchtimpulsen. - Hypoarousal (Untere Grenze):
Die Erregung sinkt unter das Fenster. Es kommt zu Erstarrung (Freeze), Taubheitsgefühlen oder Dissoziation.
Ursachen im Gehirn
Bei Hyperarousal ist die Kommunikation zwischen verschiedenen Hirnarealen gestört:
- Amygdala (Alarmsystem):
Ist überaktiv und meldet ständig Gefahr. - Präfrontaler Kortex (Kontrollzentrum):
Schafft es nicht mehr, die Amygdala zu beruhigen. - Hippocampus (Gedächtnis):
Kann Erlebtes nicht korrekt als „vergangen“ abspeichern, weshalb der Körper glaubt, das Trauma passiere gerade jetzt.
Umgang und Behandlung
In der Therapie (insbesondere Traumatherapie) geht es darum, das Nervensystem wieder zu regulieren:
- Grounding (Erdung):
Techniken, um den Fokus zurück in die Realität zu holen (z. B. die 5-4-3-2-1-Methode). - Atemtechniken:
Bewusste Verlängerung der Ausatmung, um den Parasympathikus (den „Ruhenerv“) zu aktivieren. - Biofeedback:
Sichtbarmachen von Körperfunktionen, um zu lernen, diese willentlich zu beeinflussen.