Idealisierung
Idealisierung ist in der Psychologie ein psychischer Abwehrmechanismus, bei dem ein Objekt (z. B. ein Partner, ein Idol oder man selbst) als makellos, perfekt und allmächtig wahrgenommen wird. Es ist das kognitive Gegenteil der Abwertung. Anstatt ein realistisches Bild mit Stärken und Schwächen zu sehen, wird das Objekt auf ein Podest gestellt. Es ist eine Überhöhung der Realität.
Kognitive Funktion
Idealisierung dient primär der Sicherheit und der Bewältigung von Angst:
- Schutz durch Nähe:
Wenn ich glaube, dass mein Gegenüber (z. B. ein Arzt, ein Partner oder ein Chef) perfekt und allmächtig ist, fühle ich mich in seiner Nähe sicher und geschützt. - Selbstwerterhöhung:
Indem ich mich mit einem „idealen“ Objekt verbinde, strahlt dessen Glanz auf mich ab. „Wenn mein Partner der Tollste ist, muss ich auch etwas Besonderes sein.“ - Vermeidung von Enttäuschung:
Die Psyche blendet die unperfekte Realität aus, um den Schmerz zu vermeiden, der entstehen würde, wenn man erkennt, dass das Gegenüber auch nur ein fehlbarer Mensch ist.
Soziale Funktion (Bindung und Abhängigkeit)
- Verschmelzungswunsch:
Idealisierung schafft in der Anfangsphase von Beziehungen eine extrem starke (aber oft fragile) Bindung. - Abhängigkeit:
Wer idealisiert, begibt sich oft freiwillig in eine untergeordnete Position, da das idealisierte Objekt als „wissender“ oder „besser“ angesehen wird.
Psychische Störungen (Narzissmus & Borderline)
Hier wird die Idealisierung zum Problem, weil sie nicht stabil ist:
- Narzissmus:
Narzissten idealisieren Menschen oft am Anfang einer Beziehung extrem („Love Bombing“), weil sie jemanden brauchen, der so perfekt ist, dass er ihrer eigenen (erhofften) Grandiosität würdig ist. - Borderline:
Hier ist die Idealisierung der erste Teil des Splitting-Zyklus. Die Person wird als „Retter“ gesehen. Sobald dieser Retter aber eine menschliche Grenze setzt, bricht das Bild zusammen.
Der Zusammenhang mit Devaluation (Der Kippmoment)
Idealisierung und Devaluation funktionieren wie eine Wippe. In einer gesunden Psyche sind beide ausgeglichen (man sieht das „Ganze“). Bei der Spaltung gibt es nur die Extreme:
- Die Phase der Idealisierung:
„Du bist perfekt. Du bist alles, was ich jemals wollte.“ - Der Auslöser:
Das idealisierte Objekt macht einen Fehler (vergisst einen Termin, äußert Kritik, zeigt Schwäche). - Die Enttäuschung:
Da das Bild „perfekt“ war, wird der Fehler nicht als „menschlich“ gewertet, sondern als totaler Verrat an dem idealen Bild. - Die Devaluation:
Um den Schmerz dieser Enttäuschung zu heilen, wird das Objekt sofort entwertet. „Du bist das Letzte. Du hast mich nur getäuscht.“
Zusammenfassung
| Merkmal | Idealisierung | Devaluation (Abwertung) |
| Wahrnehmung | Nur das Gute (Licht). | Nur das Schlechte (Schatten). |
| Gefühl | Bewunderung, Euphorie, Sicherheit. | Verachtung, Wut, Kälte. |
| Zweck | Suche nach Vollkommenheit/Schutz. | Abwehr von Enttäuschung/Kränkung. |
| Gefahr | Realitätsverlust. | Zerstörung von Beziehungen. |
Zusammenfassend ist Idealisierung die Fallhöhe für die spätere Abwertung. Je höher das Podest, desto tiefer der Sturz.