Identitätsstörung
In der klinischen Psychologie bezieht sich der Begriff Identitätsstörung auf eine tiefgreifende und anhaltende Unsicherheit bezüglich des Selbstbildes, der eigenen Ziele und der inneren Werte. Es handelt sich dabei weniger um eine einzelne Diagnose als vielmehr um ein Symptomkomplex, der in verschiedenen Störungsbildern auftreten kann.
Kernmerkmale einer Identitätsstörung
Eine gestörte Identität äußert sich meist durch eine mangelnde Kohärenz des Selbsterlebens. Betroffene berichten häufig über:
- Chronisches Leeregefühl:
Ein Mangel an innerem Antrieb oder Sinnhaftigkeit. - Diskontinuität:
Das Gefühl, heute eine andere Person zu sein als gestern, ohne eine verbindende innere Linie. - Ziele und Werte:
Massive Schwierigkeiten, langfristige Lebensziele zu definieren oder ethische/moralische Grundsätze beizubehalten. - Fremdsteuerung:
Die Wahrnehmung, dass das eigene Handeln nicht vom „Ich“ ausgeht, sondern von äußeren Erwartungen diktiert wird.
Diagnostische Einordnung
Identitätsstörungen treten primär im Kontext der folgenden psychischen Erkrankungen auf:
Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS)
Hier ist die Identitätsstörung eines der neun Kernkriterien gemäß DSM-5. Sie zeigt sich oft in abrupten Wechseln der Berufswünsche, der sexuellen Orientierung oder des Freundeskreises.
Dissoziative Identitätsstörung (DIS)
Früher als „multiple Persönlichkeitsstörung“ bekannt. Hier ist die Identität in verschiedene Persönlichkeitsanteile aufgespalten, oft als Folge schwerster Traumatisierungen in der Kindheit.
Narzisstische Persönlichkeitsstörung (NPS)
Die Identität ist hier oft fragil und stark an äußere Bestätigung und Erfolg gekoppelt. Bleibt diese aus, droht eine Identitätskrise (narzisstische Krise).
Ursachen und Entstehung
Die Psychologie unterscheidet verschiedene Erklärungsansätze:
| Ansatz | Fokus |
| Entwicklungspsychologie | Scheitern der Identitätsbildung in der Adoleszenz (nach Erik Erikson: Identität vs. Identitätsdiffusion). |
| Psychodynamik | Mangelnde Integration von „guten“ und „schlechten“ Anteilen des Selbst und der Objekte (Spaltung). |
| Traumatologie | Dissoziation als Schutzmechanismus, um unerträgliche Erfahrungen vom Bewusstsein abzuspalten. |
Therapeutische Ansätze
Die Behandlung zielt meist darauf ab, ein stabiles und integriertes Selbstbild aufzubauen. Bewährte Verfahren sind:
- Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT):
Fokus auf Achtsamkeit und Stresstoleranz, um die emotionalen Schwankungen der Identität aufzufangen. - Klärungsorientierte Psychotherapie (KOP):
Klärung des inneren Bezugsrahmens und der Veränderung der dysfunktionalen kognitiven, affektiven und interaktionalen Schemata. - Übertragungsfokussierte Psychotherapie (TFP):
Arbeit an der Integration der gespaltenen Repräsentanzen von Selbst und Anderen. - Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT):
Förderung der Fähigkeit, eigene mentale Zustände und die anderer zu verstehen.