Imposter-Syndrom

Das Imposter-Syndrom (auch Hochstapler-Syndrom) beschreibt das psychologische Phänomen, bei dem objektiv erfolgreiche Menschen davon überzeugt sind, ihre Erfolge nicht verdient zu haben. Sie schreiben ihre Leistungen eher dem Zufall, dem Glück oder der Fähigkeit zu, andere über ihre tatsächliche Kompetenz getäuscht zu haben.

Obwohl es keine eigenständige klinische Diagnose im ICD-11 ist, gilt es als massiver Stressfaktor und eng mit der extremen Leistungsorientierung verknüpft.

Die psychologische Kernstruktur

Hinter dem Imposter-Syndrom steht eine tiefe Kluft zwischen Fremdwahrnehmung (andere halten mich für fähig) und Selbstwahrnehmung (ich fühle mich unfähig). Dies führt zu einem Teufelskreis:

  • Der Imposter-Zyklus:
    Wenn eine Aufgabe ansteht, reagiert der Betroffene entweder mit extremer Übervorbereitung (Over-preparation) oder mit Aufschieben (Prokrastination).
  • Der Erfolg als Gefahr:
    Wird die Aufgabe erfolgreich gemeistert, tritt keine Erleichterung ein. Der Betroffene denkt: „Diesmal hatte ich nur Glück“ oder „Das nächste Mal fliege ich auf“. Der Erfolg verstärkt paradoxerweise die Angst vor der Entlarvung.

Warum tritt es bei Leistungsorientierten auf?

Gerade in einer leistungsorientierten Gesellschaft ist das Imposter-Syndrom weit verbreitet, da es auf bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen fußt:

  • Internalisierung von Misserfolg, Externalisierung von Erfolg:
    Fehler werden zu 100 % dem eigenen Unvermögen zugeschrieben. Erfolge werden jedoch äußeren Umständen (Glück, Vitamin B, leichter Test) zugerechnet.
  • Unrealistische Standards:
    Betroffene vergleichen ihr „Inneres“ (ihre Zweifel und Unsicherheiten) mit dem „Äußeren“ (der souveränen Fassade) anderer Menschen. Dieser Vergleich ist psychologisch immer zum eigenen Nachteil.
  • Die Rolle der Erziehung:
    Oft entsteht das Syndrom, wenn Kinder in Familien aufwachsen, in denen Leistung entweder übermäßig gelobt oder als absolute Selbstverständlichkeit ohne Wärme hingenommen wurde.

Verbindung zu psychischen Störungen

Das Imposter-Syndrom ist oft ein Wegbereiter für ernsthaftere Erkrankungen:

  • Angststörungen:
    Die permanente Angst, „entlarvt“ zu werden, hält das Nervensystem in ständiger Alarmbereitschaft.
  • Depression:
    Das Gefühl, eine Maske tragen zu müssen, führt zu Einsamkeit und emotionaler Erschöpfung. Man fühlt sich nie „echt“ und nie wirklich gesehen.
  • Burnout:
    Um die vermeintliche Inkompetenz zu kompensieren, arbeiten Betroffene oft doppelt so hart wie nötig. Diese chronische Überanstrengung führt unweigerlich in den Burnout.

Die 5 Typen nach Dr. Valerie Young

In der Psychologie werden oft fünf Untertypen unterschieden, die jeweils eine andere Art von Leistungsdruck erleben:

  1. Der Perfektionist:
    Setzt Ziele so hoch, dass sie fast nie erreichbar sind. 1 % Fehler fühlt sich wie 100 % Scheitern an.
  2. Das Naturtalent:
    Denkt, alles müsse beim ersten Versuch klappen. Wenn man sich anstrengen muss, wertet man das als Zeichen von Inkompetenz.
  3. Der Solist:
    Glaubt, Hilfe anzunehmen sei ein Beweis für Schwäche oder Betrug.
  4. Der Experte:
    Muss alles wissen, bevor er sich kompetent fühlt. Jede Wissenslücke wird als Beweis für Unwissenheit gesehen.
  5. Der Superheld:
    Versucht, in allen Lebensbereichen (Job, Familie, Hobbys) gleichzeitig perfekt zu sein, um das Gefühl der Unzulänglichkeit zu überdecken.

Therapeutische Lösungsansätze: Den „Betrüger“ entlarven

Die psychologische Arbeit am Imposter-Syndrom konzentriert sich vor allem auf:

  • Normalisierung:
    Das Gespräch mit anderen zeigt oft, dass fast jeder diese Gefühle kennt (besonders in hohen Positionen).
  • Fakten-Check:
    Erfolge schriftlich festhalten und aktiv lernen, Komplimente ohne Relativierung („Ja, aber…“) anzunehmen.
  • Fehlerkultur:
    Den Wert von Fehlern als notwendigen Teil des Lernprozesses kognitiv neu bewerten (Reframing).