In-Group/Out-Group-Bias

Der In-Group/Out-Group-Bias (auch Eigengruppen-Fremdgruppen-Fehler genannt) ist ein stark wirkendes Phänomen in der Sozialpsychologie. Er beschreibt die Tendenz, die eigene Gruppe (In-Group) systematisch gegenüber einer anderen Gruppe (Out-Group) zu bevorzugen und positiver zu bewerten.

Theoretisches Fundament: Die Soziale Identitätstheorie (SIT)

Nach Henri Tajfel und John Turner ziehen Menschen einen Teil ihres Selbstwertgefühls aus der Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen. Damit diese Identität positiv bleibt, muss die eigene Gruppe im Vergleich zu anderen besser abschneiden.

  • Soziale Kategorisierung:
    Wir teilen die Welt automatisch in „Wir“ und „Die“ ein (z. B. Fußballfans, Nationalitäten, Berufe).
  • Soziale Distinktheit:
    Wir suchen nach Merkmalen, die unsere Gruppe positiv von anderen abheben.

Die zwei Seiten des Bias

Der Bias besteht eigentlich aus zwei komplementären Prozessen:

  1. In-Group Favoritism (Eigengruppenbevorzugung):
    Wir bewerten Mitglieder der eigenen Gruppe als vertrauenswürdiger, intelligenter oder sympathischer. Wir sind eher bereit, mit ihnen Ressourcen zu teilen oder Fehler zu verzeihen.
  2. Out-Group Derogation (Fremdgruppenabwertung):
    Die andere Gruppe wird oft als weniger kompetent, weniger moralisch oder sogar als Bedrohung wahrgenommen. Im Extremfall führt dies zu Vorurteilen und Diskriminierung.

Der Minimal-Group-Paradigma-Effekt

Tajfel konnte in Experimenten zeigen, dass dieser Bias bereits bei bedeutungslosen Kriterien entsteht. In seinen Studien wurden Probanden zufällig Gruppen zugeteilt (z. B. „Klee-Maler“ vs. „Kandinsky-Maler“).

  • Das Ergebnis:
    Obwohl die Teilnehmer sich nicht kannten und keinen persönlichen Nutzen hatten, begünstigten sie ihre eigene Gruppe bei der Punktevergabe und benachteiligten die andere. Der Bias benötigt also keine lange Geschichte oder echten Konflikt – die bloße Kategorisierung reicht aus.

Die Out-Group-Homogenitäts-Verzerrung

Ein wichtiger Teilaspekt ist die Wahrnehmung von Vielfalt:

  • In-Group:
    Wir sehen die Mitglieder unserer eigenen Gruppe als Individuen mit vielfältigen Eigenschaften („Wir sind alle verschieden“).
  • Out-Group:
    Die Fremdgruppe wird als homogene Masse wahrgenommen („Die sind alle gleich“). Dies ist der psychologische Nährboden für Stereotype.

Konsequenzen im Alltag

  • Im Team:
    Der Bias kann die Zusammenarbeit zwischen Abteilungen erschweren („Die IT“ gegen „Das Marketing“).
  • Konfliktlösung:
    Um den Bias abzubauen, hilft oft die Einführung von übergeordneten Zielen (Muzafer Sherifs Ferienlager-Studie), die nur gemeinsam erreicht werden können.

Zusammenfassung

Der In-Group/Out-Group-Bias ist die verzerrende Neigung, die eigene soziale Gruppe gegenüber Fremdgruppen zu bevorzugen. Dies dient der Steigerung des kollektiven Selbstwertgefühls (Soziale Identitätstheorie). Begleitet wird dies oft durch die Out-Group-Homogenitäts-Verzerrung, bei der die Vielfalt der Fremdgruppe unterschätzt wird.