Kleptomanie
Die Kleptomanie (auch pathologisches Stehlen) ist eine psychische Störung, die im Klassifikationssystem ICD-10 unter den „Abnormen Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle“ (F63.2) geführt wird. Im Gegensatz zu gewöhnlichem Diebstahl steht hier nicht die materielle Bereicherung im Vordergrund, sondern ein pathologischer, unkontrollierbarer Drang.
Kernmerkmale und Symptomatik
Das Hauptmerkmal der Kleptomanie ist das wiederholte Scheitern, dem Impuls zu widerstehen, Dinge zu stehlen, die weder für den persönlichen Gebrauch noch wegen ihres Geldwertes benötigt werden.
- Spannungsaufbau:
Unmittelbar vor dem Diebstahl erleben Betroffene ein steigendes Gefühl von innerer Anspannung oder Erregung. - Gratifikation:
Während der Tat empfinden sie Lust, Befriedigung oder eine massive psychische Entlastung. - Reue und Scham:
Nach der Tat setzen oft starke Schuldgefühle, Depressionen oder Selbstverachtung ein. Die gestohlenen Gegenstände werden häufig gehortet, weggeworfen, heimlich zurückgegeben oder verschenkt. - Keine kriminelle Intention:
Die Taten sind meist nicht geplant, werden ohne Komplizen durchgeführt und entspringen keiner Wut oder Racheabsicht.
Abgrenzung zum gewöhnlichen Diebstahl
Die Psychologie unterscheidet strikt zwischen krimineller Motivation und der psychischen Störung:
| Merkmal | Gewöhnlicher Diebstahl | Kleptomanie |
| Ziel | Nutzwert oder Wiederverkaufswert | Reduktion innerer Spannung |
| Planung | Oft sorgfältig vorbereitet | Meist spontan und impulsiv |
| Emotion | Kalkül, Angst vor Entdeckung | Drang, Erregung, gefolgt von Reue |
| Bedarf | Gegenstand wird meist benötigt | Gegenstand ist oft wertlos/unnütz |
Psychologische Erklärungsmodelle
Die Ursachen der Kleptomanie sind komplex und meist multifaktoriell bedingt:
- Neurobiologie:
Es gibt Hinweise auf Dysregulationen im Neurotransmitter-Haushalt, insbesondere im Serotonin-System (Impulskontrolle) und im Dopamin-System (Belohnungssystem). Ähnlichkeiten zur Suchterkrankung sind hier deutlich erkennbar. - Tiefenpsychologie:
Hier wird das Stehlen oft als symbolische Ersatzhandlung für einen unbewussten Verlust, mangelnde Zuwendung oder als Kompensation für ein geringes Selbstwertgefühl gedeutet. Der Akt des „Sich-Etwas-Nehmens“ füllt eine innere Leere. - Verhaltenstherapie:
Die Störung wird als fehlgeleiteter Bewältigungsmechanismus gesehen. Der Diebstahl dient der kurzfristigen Angst- oder Stressreduktion (negative Verstärkung).
4. Komorbidität (Begleiterkrankungen)
Kleptomanie tritt selten isoliert auf. Häufige Begleiterscheinungen sind:
- Affektive Störungen (insbesondere Depressionen).
- Angststörungen.
- Essstörungen (vor allem Bulimie).
- Andere Impulskontrollstörungen (z. B. Kaufsucht).
Therapeutische Ansätze
Da Betroffene aus Scham oft erst sehr spät Hilfe suchen (meist erst nach einer Verhaftung), ist die therapeutische Beziehung entscheidend.
Verhaltenstherapie
- Kognitive Umstrukturierung:
Identifikation der Trigger-Situationen. - Reaktionsverhinderung:
Erlernen alternativer Strategien, um die aufkommende Spannung auszuhalten, ohne ihr nachzugeben. - Aversionstherapie:
Verknüpfung des Diebstahl-Impulses mit negativen Konsequenzen (z. B. Vorstellung einer Verhaftung).
Pharmakotherapie
In schweren Fällen werden Medikamente ergänzend eingesetzt, vor allem Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) oder Opioid-Antagonisten (wie Naltrexon), um den Suchtdruck und die Impulsivität zu mildern.