Krankheitseinsicht

In der Psychologie und Psychiatrie beschreibt die Krankheitseinsicht (englisch: insight into illness) die Fähigkeit eines Patienten, seine eigenen Erlebnisse, Verhaltensweisen oder Symptome als Teil einer psychischen Erkrankung zu erkennen.

Dabei handelt es sich nicht um einen digitalen Zustand (vorhanden/nicht vorhanden), sondern um ein Kontinuum mit verschiedenen Abstufungen.

Die drei Dimensionen der Einsicht

Nach dem Psychiater Anthony David wird Krankheitseinsicht oft in drei Teilbereiche unterteilt:

  1. Erkenntnis:
    Die Person erkennt an, dass sie unter Symptomen oder Problemen leidet (z. B. „Ich höre Stimmen“).
  2. Attribution:
    Die Person schreibt diese Probleme einer Erkrankung zu und nicht äußeren Mächten (z. B. „Die Stimmen kommen von meiner Psychose“ statt „Der Geheimdienst beobachtet mich“).
  3. Behandlungsbereitschaft:
    Die Einsicht, dass professionelle Hilfe (Medikamente oder Therapie) notwendig und sinnvoll ist.

Abgrenzung: Warum fehlt die Einsicht?

Es gibt wesentliche Unterschiede, warum jemand keine Krankheitseinsicht zeigt. In der klinischen Psychologie unterscheidet man strikt:

Anosognosie

Dies ist eine neurobiologisch bedingte Unfähigkeit, eine Krankheit wahrzunehmen. Oft liegt eine Funktionsstörung im rechten Parietallappen oder in den Frontallappen vor. Der Patient will nicht uneinsichtig sein, sein Gehirn kann den Defekt schlicht nicht registrieren.

Verleugnung (Abwehrmechanismus)

Hierbei handelt es sich um einen psychologischen Schutzmechanismus. Die Wahrheit über die Erkrankung wäre so schmerzhaft oder bedrohlich für das Selbstbild, dass die Psyche sie aktiv abwehrt (typisch z.B. bei Narzisstischer Persönlichkeitsstörung).

Das Stufenmodell der Einsicht

In der Therapie wird oft mit Skalen gearbeitet, um den Grad der Einsicht zu bestimmen:

Stufe Bezeichnung Beschreibung
1 Komplette Verleugnung Jegliche Erkrankung wird abgestritten.
2 Geringe Einsicht Probleme werden bemerkt, aber komplett externalisiert (andere sind schuld (externale Attribution)).
3 Intellektuelle Einsicht Man weiß theoretisch, dass man krank ist, kann das Wissen aber nicht auf das tatsächliche Verhalten übertragen.
4 Emotionale Einsicht Tiefes Verständnis der Symptome und aktive Motivation zur Veränderung.

Klinische Bedeutung

Krankheitseinsicht ist einer der stärksten Prädiktoren für den Behandlungserfolg. Fehlende Einsicht führt oft zu:

Störungen mit fehlender Krankheitseinsicht

Besonders bei den folgenden Krankheitsbildern ist die Arbeit an der Krankheitseinsicht ein zentraler Bestandteil der Therapie.

Therapeutische Strategien zur Förderung der Krankheitseinsicht

Um die Krankheitseinsicht zu fördern, ohne dass der Patient sich bevormundet fühlt oder in den Widerstand geht, nutzt die Psychologie spezifische Strategien. Das Ziel ist es, den Patienten von einer fremdbestimmten Sicht („Die anderen sagen, ich bin krank“) zu einer eigenmotivierten Sicht zu führen.

Motivational Interviewing (Motivierende Gesprächsführung)

Anstatt den Patienten zu konfrontieren, wird eine wertschätzende Haltung eingenommen. Es geht darum, die Ambivalenz des Patienten (einerseits leiden, andererseits gesund sein wollen) zu erkunden.

  • Offene Fragen:
    „Wie hat sich dein Verhalten in letzter Zeit auf deine Ziele ausgewirkt?“
  • Validierung:
    Man bestätigt die Gefühle des Patienten, auch wenn man die Wahninhalte nicht teilt (z. B. „Ich verstehe, dass es dir Angst macht, wenn du dich beobachtet fühlst“).

Psychoedukation

Dies ist der informative Weg. Dem Patienten wird Wissen über die Erkrankung vermittelt, als wäre es ein technisches Handbuch.

  • Normalisierung:
    Erklären, dass Symptome biologische Ursachen haben (z. B. Stoffwechsel im Gehirn). Das nimmt das Stigma und macht die Diagnose „greifbarer“.
  • Frühwarnsignale:
    Gemeinsam wird erarbeitet, woran man merkt, dass es schlechter wird. Der Patient wird so zum Experten für seine eigene Symptomatik.

Realitätsüberprüfung (Verhaltensexperimente)

Besonders bei Psychosen oder Zwangsstörungen hilft oft nur das Ausprobieren.

  • Die wissenschaftliche Methode:
    Der Patient stellt eine Hypothese auf (z. B. „Wenn ich die Tabletten weglasse, geht es mir besser“). Der Therapeut begleitet diesen Prozess kritisch und wertfrei, um die Konsequenzen gemeinsam auszuwerten.

Fokus auf Lebensqualität statt Diagnose

Oft ist es effektiver, die Diagnose zunächst beiseite zu lassen und über die Einschränkungen im Alltag zu sprechen.

  • Anstatt zu fragen: „Siehst du ein, dass du depressiv bist?“, fragt man: „Möchtest du wieder in der Lage sein, dich mit deinen Freunden zu treffen, ohne dich so erschöpft zu fühlen?“
  • Einsicht entsteht hier über den Wunsch nach Verbesserung der Lebensumstände, nicht über das Akzeptieren eines medizinischen Labels.