Leistungsorientierung
Das Konzept der Leistungsorientierung ist heute der zentrale Pfeiler unserer westlichen Gesellschaft. Während die Soziologie oft die systemischen Vorteile (Fortschritt, Effizienz) betont, blickt die Psychologie kritisch auf die Kosten für das Individuum.
Die Frage nach der psychologischen Kehrseite der Leistungsorientierung rührt an das Fundament unserer modernen Identität. In der Psychologie wird Leistungsorientierung nicht per se als negativ betrachtet, sondern als Spektrum. Problematisch wird sie, wenn sie von einer instrumentellen Fähigkeit (ich leiste, um ein Ziel zu erreichen) zu einer existenziellen Bedingung (ich leiste, um eine Daseinsberechtigung zu haben) wird.
Das Kernproblem: Die Pathologisierung des Selbstwerts
Das größte psychologische Risiko der Leistungsorientierung ist die Verschmelzung von Tun und Sein.
Bedingter Selbstwert (Contingent Self-Esteem)
Ein gesunder Selbstwert ist stabil und speist sich aus der bloßen Existenz und stabilen Bindungen. Bei extrem leistungsorientierten Menschen ist der Selbstwert jedoch „instabil-hoch“. Er ist an Bedingungen geknüpft:
- Die „Wenn-Dann-Falle“:
„Wenn ich Projekt X abschließe, bin ich wertvoll.“ - Das Problem:
Sobald die Leistung nachlässt (durch Alter, Krankheit oder Marktschwankungen), bricht das gesamte psychische Kartenhaus zusammen. Es gibt kein „Sicherheitsnetz“ im Selbstbild.
Die hedonistische Tretmühle des Erfolgs
Erfolg wirkt psychologisch wie eine Droge. Er schüttet Dopamin aus, aber die Toleranzschwelle steigt. Was gestern noch ein Triumph war, ist heute der Standard. Leistungsorientierte Menschen leiden oft unter der Unfähigkeit, Erfolge zu genießen, da der Fokus sofort auf das nächste, höhere Ziel springt. Dieser Zustand der permanenten Antizipationsangst (die Angst, das nächste Level nicht mehr zu schaffen) ist chronischer Stress.
Warum Leistungsorientierung krank machen kann
Die Verbindung zu psychischen Störungen ist keine Zufälligkeit, sondern oft die logische Konsequenz einer Überlastung biologischer und psychischer Regulationssysteme.
1. Depression und das „Erschöpfte Selbst“
Früher, zu Zeiten Sigmund Freunds, galt Depression oft eine Folge von Schuldgefühlen oder Verboten. Heute beschreibt die Psychologie (z. B. Alain Ehrenberg) die Depression als eine Krankheit der Unzulänglichkeit.
- Der Betroffene bricht unter dem Ideal zusammen, alles sein zu können und alles schaffen zu müssen.
- Die Depression ist hier die ultimative Notbremse der Psyche: Wenn man nicht mehr „funktionieren“ kann, schaltet das System auf totale Passivität um.
2. Burnout: Der Raubbau an Ressourcen
Burnout ist das Endstadium einer chronischen Missachtung der eigenen Bedürfnisse. Leistungsorientierte Menschen neigen dazu, körperliche Warnsignale (Schlafstörungen, Konzentrationsmangel) als „Charakterschwäche“ zu deuten und mit noch mehr Anstrengung zu bekämpfen.
3. Angststörungen und Perfektionismus
Hinter extremer Leistungsorientierung steckt oft eine tiefe Angst vor Ablehnung.
- Soziale Angst:
Die Überzeugung, dass andere einen nur akzeptieren, wenn man glänzt. - Generalisierte Angst:
Die ständige Sorge um die Zukunft und die Aufrechterhaltung des Status. Perfektionismus fungiert hier als Abwehrmechanismus: „Wenn ich perfekt bin, bin ich unangreifbar.“ Da Perfektion unmöglich ist, bleibt das Individuum in einem Zustand permanenter Alarmbereitschaft.
4. Essstörungen und Körperoptimierung
Besonders bei der Anorexie (Magersucht) ist die Leistungsorientierung oft auf den eigenen Körper verschoben. Hunger zu kontrollieren und den Körper zu disziplinieren, wird als „Leistung“ empfunden. Es ist der Versuch, in einer unvorhersehbaren Welt totale Kontrolle über ein Teilgebiet zu erlangen.
Die neurobiologische Ebene: Chronischer Stress
Die psychischen Störungen haben eine handfeste biologische Basis. Leistungsorientierung hält den Körper im Dauersympathikotonus (Kampf-oder-Flucht-Modus).
- HPA-Achse:
Die ständige Aktivierung der Hypothalamus–Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse flutet den Körper mit Cortisol. - Hippocampus-Schädigung:
Chronisch hohes Cortisol lässt Nervenzellen im Hippocampus schrumpfen. Da dieser für die Regulation von Emotionen zuständig ist, sinkt die psychische Widerstandskraft (Resilienz) massiv. - Schlafarchitektur:
Der Druck verhindert den Übergang in tiefe Erholungsphasen, was die kognitive Leistungsfähigkeit senkt – was wiederum den Druck erhöht, sich noch mehr anzustrengen.
Die gesellschaftliche Dimension: Entfremdung
Aus Sicht der kritischen Psychologie führt extreme Leistungsorientierung zur Selbstentfremdung.
Der Mensch wird zum „Humankapital“. Bedürfnisse nach Ruhe, Spiel, Sinnlosigkeit oder tiefer zwischenmenschlicher Nähe werden als „unproduktiv“ aussortiert. Wenn ein Mensch jedoch nur noch als „Funktionär seiner selbst“ lebt, verliert er den Kontakt zu seinem emotionalen Kern – ein idealer Nährboden für Sinnkrisen und Suchterkrankungen.
Zusammenfassung
Leistungsorientierung steht deshalb mit so vielen Störungen in Verbindung, weil sie:
- Den Selbstwert an extrem instabile Faktoren koppelt.
- Die biologische Belastungsgrenze (Stressachse) dauerhaft überschreitet.
- Die soziale Bindung durch Konkurrenz und Optimierungsdruck ersetzt.
- Fehlertoleranz als Schwäche definiert, obwohl sie psychologisch überlebensnotwendig ist.