Misshandlung
In der Psychologie wird Misshandlung ((Child) Maltreatment, Abuse) als eine Handlung oder ein Unterlassen definiert, das das Wohlergehen, die Gesundheit oder die Entwicklung eines Menschen (insbesondere von Kindern) erheblich beeinträchtigt oder gefährdet.
Man unterscheidet in der klinischen Psychologie und Sozialpsychologie vier Hauptformen, die oft zeitgleich auftreten und sich gegenseitig verstärken.
Die vier Hauptformen der Misshandlung
| Form | Definition | Beispiele |
| Körperliche Misshandlung | Aktive Anwendung von physischer Gewalt. | Schlagen, Schütteln, Verbrennungen. |
| Emotionale Misshandlung | Psychische Einwirkung, die das Selbstwertgefühl zerstört. | Demütigung, Terrorisieren, Isolieren, Liebesentzug als Strafe. |
| Sexueller Missbrauch | Einbeziehung in sexuelle Aktivitäten, für die die Person zu jung ist oder keine Einwilligung geben kann. | Übergriffe, Ausbeutung, Konfrontation mit pornografischem Material. |
| Vernachlässigung | Chronisches Unterlassen notwendiger Fürsorge (physisch oder emotional). | Mangelnde Ernährung, mangelnde Hygiene, emotionale Unerreichbarkeit. |
Die psychologischen Folgen: Das Trauma
Misshandlung führt oft zu Traumafolgestörungen. Die Auswirkungen hängen stark vom Alter, der Dauer und der Beziehung zum Täter ab.
- Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS):
Wiedererleben des Schreckens (Flashbacks), Vermeidung von Triggern und ständige Übererregtheit. - Komplexe PTBS:
Entsteht oft bei langanhaltender Misshandlung durch Bezugspersonen. Sie beeinträchtigt die Identität, die Emotionsregulation und die Beziehungsfähigkeit massiv. - Dissoziation:
Ein Schutzmechanismus des Gehirns, bei dem sich das Bewusstsein vom Geschehen abkoppelt („Sich-Wegbeamen“), um den unerträglichen Schmerz zu überstehen.
Der „Transgenerationale Zyklus“
Ein zentrales Thema der Psychologie ist die transgenerationale Weitergabe. Menschen, die selbst Misshandlung erfahren haben, tragen ein höheres Risiko, diese Muster später an ihre eigenen Kinder weiterzugeben – es sei denn, das Trauma wird aktiv aufgearbeitet.
Dies liegt oft an:
- Gelerntem Verhalten:
Mangel an alternativen Bewältigungsstrategien. - Bindungsstörungen:
Wie wir aus der Bindungstheorie wissen, fällt es Betroffenen schwer, eine „sichere Basis“ für ihre Kinder zu sein, wenn sie selbst nie eine hatten.
Neurobiologische Auswirkungen
Chronische Misshandlung verändert das Gehirn, insbesondere während der Entwicklungsphasen:
- Amygdala:
Wird überaktiv (ständiger Alarmzustand/Angst). - Präfrontaler Cortex:
Wird geschwächt (Schwierigkeiten bei der Impulskontrolle und Logik). - Hippocampus:
Kann schrumpfen (Probleme bei der Gedächtnisbildung und Stressregulation).
Prävention und Intervention
Die Psychologie setzt hier auf drei Ebenen an:
- Stärkung der Resilienz:
Förderung von Schutzfaktoren (z. B. eine andere vertrauenswürdige Bezugsperson). - Therapie:
Trauma-fokussierte kognitive Verhaltenstherapie (TF-KVT) oder EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing). - Systemische Arbeit:
Einbeziehung des gesamten familiären Umfelds, um Gewaltspiralen zu durchbrechen.
Zusammenfassung
Misshandlung ist ein massiver Eingriff in die psychische Integrität. Während körperliche Spuren verheilen können, erfordern die „unsichtbaren“ Wunden der emotionalen Misshandlung und Vernachlässigung oft jahrelange therapeutische Begleitung.