Narzisstische Kränkung

Eine narzisstische Kränkung tritt ein, wenn das Idealbild einer Person – ihre vermeintliche Großartigkeit, Unfehlbarkeit oder besondere Bedeutung – durch äußere Einflüsse erschüttert wird. Während „normale“ Kränkungen schmerzhaft sind, wirken narzisstische Kränkungen für die Betroffenen existenzbedrohend.

Da das Selbstwertgefühl bei Narzissmus nicht von innen stabilisiert wird, sondern fast vollständig von externer Bewunderung abhängt, führt jede Form von Kritik oder Missachtung zu einem massiven Einbruch.

Die Psychodynamik: Warum es so wehtut

Man kann sich das Selbstbild wie ein fragiles Glasgebilde vorstellen. Eine narzisstische Kränkung ist der Steinwurf, der dieses Gebilde zertrümmert.

  • Das Grandiose Selbst:
    Die Person sieht sich als überlegen, fehlerfrei und anspruchsberechtigt.
  • Die Realität:
    Ein Fehler wird benannt, eine Bitte abgeschlagen oder eine andere Person wird bevorzugt.
  • Der Schock:
    Die Diskrepanz zwischen Wunschbild und Realität kann nicht verarbeitet werden. Es entsteht eine „narzisstische Wunde“.

Typische Auslöser

Was für andere ein Ärgernis ist, ist für einen Narzissten eine Katastrophe:

  • Sachliche Kritik:
    Wird sofort als persönlicher Vernichtungsfeldzug gewertet.
  • Ignoranz:
    Nicht beachtet zu werden, ist oft schlimmer als negative Aufmerksamkeit.
  • Grenzziehung:
    Ein „Nein“ wird als Angriff auf die eigene Autonomie und Macht empfunden.
  • Unterlegenheit:
    Wenn jemand anderes klüger, schöner oder erfolgreicher ist.

Reaktionen auf die Kränkung

Die Reaktion erfolgt meist prompt und dient dazu, den inneren Schmerz sofort wieder nach außen zu delegieren.

1. Die Narzisstische Wut (Narcissistic Rage)

Dies ist eine explosive, oft unkontrollierte Aggression. Sie dient dazu, den „Kränker“ einzuschüchtern oder zu vernichten, um die eigene Überlegenheit wiederherzustellen.

  • Schreien, Beleidigen, Drohungen.
  • Kalter Entzug (Silent Treatment), um den anderen zu bestrafen.

2. Die Devaluation (Abwertung)

Um den eigenen Wert zu retten, muss der Wert des anderen gemindert werden.

  • „Was weiß der schon? Er ist sowieso inkompetent.“
  • Hinter dem Rücken des anderen Intrigen spinnen, um dessen Ruf zu schädigen.

3. Der Rückzug in die Opferrolle

Besonders beim verdeckten (vulnerablen) Narzissmus wird die Kränkung genutzt, um Mitleid zu erregen und den anderen als „Täter“ darzustellen.

  • „Nach allem, was ich für dich getan habe, behandelst du mich so?“

Teufelskreis der Kränkung

Narzisstische Kränkungen führen oft zu einem destruktiven Kreislauf in Beziehungen:

  1. Kränkung:
    Ein (oft banaler) Auslöser verletzt das Ego.
  2. Abwehr:
    Massive Wut oder Abwertung des Gegenübers.
  3. Schaden:
    Die Beziehung leidet, das Gegenüber zieht sich zurück.
  4. Neue Kränkung:
    Der Rückzug des Partners wird als erneute Ablehnung/Kränkung erlebt.

Umgang mit gekränkten Personen

Wenn man mit jemandem konfrontiert ist, der eine narzisstische Kränkung erlebt:

  • Sachlichkeit bewahren:
    Nicht auf die emotionale Eskalation eingehen.
  • Grenzen setzen:
    Deutlich machen, dass Beleidigungen oder Wutausbrüche nicht akzeptiert werden.
  • Keine Rechtfertigung:
    Erklärungsversuche werden oft als weitere Angriffsfläche genutzt.
  • Kurze Bestätigung (wenn möglich):
    „Ich sehe, dass dich das ärgert“, ohne der unberechtigten Forderung zuzustimmen.

Wichtig zu verstehen: Die Heftigkeit der Reaktion steht in keinem Verhältnis zum Anlass, aber in direktem Verhältnis zum inneren Schmerz der Person.