Negativsymptom

In der Psychologie und Psychiatrie beschreibt der Begriff Negativsymptom (oder Minussymptomatik) das Fehlen oder die Verminderung von psychischen Funktionen, die bei gesunden Menschen normalerweise vorhanden sind.

Dieser Begriff wird am häufigsten im Zusammenhang mit der Schizophrenie verwendet, tritt aber auch bei schweren Depressionen oder organischen Hirnerkrankungen auf. Man kann es sich wie ein „Einfrieren“ oder „Verstummen“ der psychischen Dynamik vorstellen.

Die 5 Hauptgruppen der Negativsymptomatik (Die 5 A’s)

In der klinischen Diagnostik werden die Symptome oft in fünf Kategorien unterteilt, die im Englischen alle mit „A“ beginnen:

  • Affektverflachung (Affective Flattening):
    Die Unfähigkeit, Gefühle zu zeigen. Die Mimik ist starr, die Stimme monoton, die Gestik reduziert.
  • Alogie (Alogia):
    Eine Sprachverarmung. Betroffene sprechen sehr wenig, geben nur kurze Antworten und zeigen einen verminderten Gedankenfluss.
  • Avolition (Antriebslosigkeit):
    Der Verlust der Fähigkeit, zielgerichtete Aktivitäten zu beginnen oder aufrechtzuerhalten (z. B. Körperhygiene oder Haushalt).
  • Anhedonie (Anhedonia):
    Die Unfähigkeit, Freude oder Vergnügen zu empfinden – weder bei Aktivitäten noch in sozialen Kontakten.
  • Asozialität (Asociality):
    Der Rückzug aus sozialen Beziehungen und ein mangelndes Interesse an Interaktion.

Abgrenzung: Negativ- vs. Positivsymptome

Um die Negativsymptomatik zu verstehen, hilft der Vergleich mit den „lauteren“ Symptomen der Schizophrenie:

Merkmal Positivsymptome (Plus) Negativsymptome (Minus)
Was passiert? Etwas kommt hinzu, was nicht da sein sollte. Etwas fehlt, was da sein sollte.
Beispiele Halluzinationen, Wahn, Verfolgungswahn. Antriebslosigkeit, Spracharmut, Rückzug.
Wahrnehmung Oft akut, dramatisch, beängstigend. Eher schleichend, chronisch, lähmend.
Behandbarkeit Reagieren meist gut auf Neuroleptika. Schwerer zu behandeln; oft dauerhaft.

Psychologische Ursachen und Mechanismen

Warum kommt es zu diesen Ausfällen? Die Psychologie blickt hier vor allem auf zwei Bereiche:

Das Belohnungssystem (Dopamin)

Während ein Dopamin-Überschuss im mesolimbischen System zu Wahn führt, wird ein Dopamin-Mangel im mesokortikalen System (Verbindung zum Präfrontalen Kortex) für die Negativsymptome verantwortlich gemacht. Reize aus der Umwelt werden nicht mehr als „bedeutsam“ markiert, weshalb der Antrieb versiegt.

Kognitive Erschöpfung

Oft sind Negativsymptome auch eine psychologische Reaktion auf die Überforderung durch die Positivsymptomatik. Der Rückzug dient dann als (dysfunktionaler) Schutzmechanismus, um die Reizüberflutung zu reduzieren.

Die Belastung im Alltag

Negativsymptome sind für die Lebensqualität oft verheerender als Halluzinationen. Während Halluzinationen medikamentös meist verschwinden, verhindern Negativsymptome oft:

  • Die Ausübung eines Berufs.
  • Die Pflege von Freundschaften (wegen der Affektverflachung).
  • Ein selbstständiges Leben.