Neuroplastizität
Unter Neuroplastizität versteht man in der Psychologie und den Neurowissenschaften die Fähigkeit des Gehirns, seine Struktur und seine Funktionen laufend an neue Erfahrungen, Lernprozesse und Umwelteinflüsse anzupassen.
Man kann es sich wie einen Muskel vorstellen: Das Gehirn ist kein starres „Schaltpult“, sondern ein dynamisches Organ, das sich durch Benutzung (oder Nicht-Benutzung) umbaut.
Arten der Neuroplastizität
Um zu verstehen, wie Psychotherapie oder Lernen auf biologischer Ebene wirken, unterscheidet man meist zwei Formen:
- Funktionelle Plastizität:
Die Fähigkeit des Gehirns, Funktionen von einem beschädigten Bereich auf einen unbeschädigten Bereich zu übertragen (besonders wichtig nach Schlaganfällen). - Strukturelle Plastizität:
Die tatsächliche physische Veränderung des Gehirns. Hierbei verändern sich die Verbindungen zwischen den Neuronen.
Die psychologische Bedeutung:
„Neurons that fire together, wire together“
Dieser berühmte Satz (Hebb’sche Lernregel) beschreibt den Kern der Plastizität: Wenn zwei Nervenzellen gleichzeitig aktiv sind, verstärkt sich ihre Verbindung (Synapse).
- Lernen und Gewohnheiten:
Wenn wir eine neue Fähigkeit lernen oder eine neue Denkweise einüben, entstehen neue Pfade. Je öfter wir diesen Pfad „begehen“, desto breiter wird er – aus einem Trampelpfad wird eine Autobahn. - Pruning (Synaptische Rückbildung):
Verbindungen, die nicht mehr genutzt werden, verkümmern. Das Gehirn „löscht“ ineffiziente Pfade, um Energie zu sparen (use ist or loose it).
Neuroplastizität und Psychotherapie
Die moderne Psychologie betrachtet Psychotherapie als eine Form von „biologischem Training“. Wenn man in einer Therapie lernt, seine Schemata zu erkennen und sein Verhalten zu ändern, verändert man physisch sein Gehirn:
- Umstrukturierung:
Angststörungen beruhen oft auf einer Überaktivität der Amygdala (Angstzentrum). Durch Therapie kann der präfrontale Cortex (Vernunftzentrum) lernen, diese Angst besser zu regulieren. Die synaptische Kontrolle wird stärker. - Kompensation:
Trauma kann bestimmte Hirnareale beeinträchtigen. Neuroplastizität ermöglicht es, neue Bewältigungsstrategien zu entwickeln, die alternative neuronale Netzwerke nutzen.
Einflussfaktoren
Die Plastizität ist nicht bei jedem Menschen gleich stark ausgeprägt. Sie wird beeinflusst durch:
- Alter:
Im Kindesalter ist die Plastizität am höchsten, aber sie bleibt bis ins hohe Alter bestehen. - Stress:
Chronischer Stress (Cortisol) kann die Plastizität hemmen, besonders im Hippocampus (Gedächtniszentrum). - Physische Aktivität:
Sport und Bewegung fördert die Ausschüttung von BDNF (Brain-Derived Neurotrophic Factor), quasi ein „Dünger“ für Nervenzellen.
Zusammenfassend: Neuroplastizität ermöglicht es, das Gehirn durch gezieltes Training, mentales Training und neue Erfahrungen aktiv umzugestalten und leistungsfähig zu halten.