Onychophagie (Nägelkauen)
Die Onychophagie, fachsprachlich für das chronische Nägelkauen, wird in der Psychologie als eine Form der Body-Focused Repetitive Behaviors (BFRB) klassifiziert. Obwohl es im Alltag oft als bloße „Unart“ abgetan wird, beschreibt es klinisch eine Impulskontrollstörung, die eng mit dem Spektrum der Zwangsspektrumstörungen verwandt ist (im ICD-10 unter F98.8 als „sonstige näher bezeichnete Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend“ geführt).
Psychologische Funktionen und Ursachen
Das Nägelkauen ist psychologisch gesehen selten ein rein ästhetisches Problem, sondern dient meist der unbewussten Affektregulation.
- Spannungsregulation:
Es fungiert als Ventil für innere Anspannung, Stress oder Frustration. Der Akt des Kauens kann in stressigen Situationen beruhigend wirken (Selbststimulation). - Autoaggression:
In der Tiefenpsychologie wird Onychophagie oft als gegen das Selbst gerichtete Aggression gedeutet. Aggressive Impulse, die nicht nach außen (gegen andere) gerichtet werden dürfen, werden am eigenen Körper abreagiert. - Langeweile und Unterforderung:
In reizarmen Situationen dient das Verhalten der Erhöhung des Erregungsniveaus (Arousal), um ein Gefühl der Leere zu kompensieren. - Perfektionismus:
Viele Betroffene kauen an Unebenheiten der Nagelhaut oder des Nagels, um diese zu „glätten“, was paradoxerweise zu weiteren Verletzungen führt (Teufelskreis).
Einordnung in das Spektrum verwandter Störungen
Die Onychophagie steht psychologisch in direkter Nachbarschaft zu anderen repetitiven Körperverhaltensweisen:
- Dermatillomanie (Skin Picking): Das zwanghafte Knibbeln oder Kratzen an der Haut.
- Trichotillomanie: Das zwanghafte Ausreißen der eigenen Haare.
- Onychotillomanie: Das Abreißen oder Bearbeiten der Nägel mit den Fingern oder Werkzeugen (statt mit den Zähnen).
Die psychodynamische und verhaltenstherapeutische Sicht
Die Psychologie unterscheidet hier zwei wesentliche Erklärungsansätze:
Verhaltenstherapie (Lernmodell)
Hier wird das Nägelkauen als eine konditionierte Reaktion betrachtet. Durch die kurzfristige Erleichterung (Spannungsabbau) wird das Verhalten verstärkt. Es automatisiert sich so stark, dass es oft völlig unbewusst abläuft, während der Betroffene liest, fernsieht oder arbeitet.
Tiefenpsychologie (Konfliktmodell)
Hier wird nach dem symbolischen Gehalt gesucht. Die Nägel stehen evolutionär für „Waffen“ oder Werkzeuge der Verteidigung. Das Abkauen dieser Waffen symbolisiert eine Selbstentwaffnung oder die Angst vor der eigenen Durchsetzungsfähigkeit.
Folgen und Leidensdruck
Neben den physischen Folgen (Nagelbettentzündungen, Zahnfehlstellungen, Infektionen) ist der psychosoziale Leidensdruck oft gravierend:
- Scham:
Betroffene verstecken ihre Hände in sozialen Situationen, was zu sozialem Rückzug führen kann. - Minderwertigkeitsgefühl:
Die sichtbaren Wunden an den Händen werden als Zeichen von Willensschwäche interpretiert, was den Selbstwert weiter untergräbt.
Therapeutische Ansätze
Da das Verhalten oft automatisiert ist, reicht reiner „Wille“ meist nicht aus.
- Habit Reversal Training (HRT):
Das Erlernen einer inkompatiblen Ersatzhandlung (z. B. Fäuste ballen oder sich auf die Hände setzen), sobald der Impuls zum Kauen aufkommt. - Entkoppelung (Decoupling):
Eine neuere Methode, bei der die Bewegung zum Mund kurz vor dem Ziel in eine andere Richtung gelenkt wird (z. B. zum Ohrläppchen oder zur Brille). - Achsamkeitstraining:
Bewusstmachen der Trigger-Situationen (Wann kaue ich? Bei Stress? Bei Langeweile?).
Zusammenfassung
Onychophagie ist eine psychologisch bedingte Impulskontrollstörung, die primär der unbewussten Regulation von innerer Spannung, Stress oder unterdrückten Aggressionen dient.