Parathymie

Unter Parathymie (auch bekannt als „inadäquater Affekt“) versteht man ein Auseinanderklaffen zwischen dem aktuell gezeigten Gefühlsausdruck und dem eigentlichen Erleben bzw. der Situation. Es handelt sich um eine qualitative Störung der Affektivität.

Einfach gesagt: Die emotionale Reaktion „passt“ nicht zum Inhalt dessen, was gerade passiert oder besprochen wird.

Kernmerkmale der Parathymie

Das Hauptmerkmal ist die Inkongruenz. Betroffene zeigen eine Mimik oder einen Affekt, der im krassen Gegensatz zur Realität steht.

  • Beispiel:
    Ein Patient erzählt mit einem breiten Lächeln oder unter Kichern vom Tod eines nahen Angehörigen oder von schweren eigenen Misshandlungen.
  • Wahrnehmung:
    Für Außenstehende wirkt das Verhalten oft befremdlich, unheimlich oder völlig unangebracht, da die soziale Resonanz (das Mitfühlen) gestört ist.

Abgrenzung: Parathymie vs. Paramimie

Diese beiden Begriffe treten oft gemeinsam auf, beschreiben aber zwei Seiten derselben Medaille:

  • Parathymie:
    Bezieht sich auf das Gefühl selbst (das innere Erleben ist nicht stimmig zur Situation).
  • Paramimie:
    Bezieht sich rein auf den Ausdruck. Die Mimik und Gestik passen nicht zum inneren Gefühl (jemand empfindet Trauer, muss aber unwillkürlich lachen).

Vorkommen bei klinischen Störungsbildern

Die Parathymie ist ein klassisches Symptom in der Psychiatrie und tritt vor allem bei bestimmten Formen der Schizophrenie auf:

  • Hebephrene Schizophrenie:
    Hier ist die Parathymie ein Leitsymptom. Das Verhalten wirkt oft läppisch, distanzlos und emotional unpassend.
  • Paranoide Schizophrenie:
    Wenn Wahninhalte und die dazugehörigen Emotionen zerfallen (Desorganisation).
  • Organische Hirnschäden:
    Verletzungen im Frontalhirn können dazu führen, dass die soziale Bewertung einer Situation und die emotionale Antwort darauf entkoppelt werden.

Ursachen und Hintergründe

Psychologisch und neurologisch wird die Parathymie als Zeichen einer Desorganisation oder Spaltung der Persönlichkeit interpretiert (daher der alte Begriff „Bewusstseinsspaltung“).

  1. Kognitiv-emotionale Entkoppelung:
    Die Information (z. B. „Unfall“) wird zwar kognitiv verarbeitet, löst aber nicht das dazugehörige emotionale Programm aus.
  2. Abwehrmechanismus:
    In manchen Fällen kann ein unpassendes Lachen auch eine extreme Form der Abwehr sein, um eine eigentlich unerträgliche psychische Belastung zu maskieren (dies ist jedoch bei einer echten schizophrenen Parathymie meist nicht die Ursache).

Klinische Einordnung (AMDP-System)

Im klinischen Befund wird die Parathymie unter den Störungen der Affektivität dokumentiert. Sie ist abzugrenzen von:

Zusammenfassung

Parathymie ist eine Störung der Angemessenheit. Während wir bei der Affektstarre „eingefroren“ sind, reagieren wir bei der Parathymie zwar, aber mit der falschen „Farbe“. Es ist, als würde man auf einer Beerdigung in ein buntes Partykostüm schlüpfen – nicht aus Bosheit, sondern weil das System die Situation falsch übersetzt.