Pathogenese
Während die Salutogenese fragt, wie Gesundheit entsteht, ist die Pathogenese (pathogenesis) der klassische Gegenpol. Sie ist der Ursprung der modernen Medizin und klinischen Psychologie. Ihr Fokus liegt auf der Entstehung, Entwicklung und Behandlung von Krankheiten.
In der Psychologie bedeutet das: Wir schauen uns an, welche Faktoren dazu führen, dass eine psychische Störung ausbricht.
Das biomedizinische Krankheitsmodell
Die Pathogenese basiert traditionell auf einem binären System: Gesund vs. Krank.
- Es gibt eine klare Norm (Gesundheit).
- Abweichungen von dieser Norm werden als Defizit oder Störung definiert.
- Das Ziel ist die Kur, also die Beseitigung der Symptome, um den Patienten in den Normzustand zurückzuführen.
Zentrale Fragen der Pathogenese
Wenn wir einen psychologischen Befund pathogenetisch betrachten, stehen diese Fragen im Mittelpunkt:
- Ätiologie:
Was sind die Ursachen? (z. B. genetische Disposition, traumatische Erlebnisse, biochemisches Ungleichgewicht im Gehirn). - Epidemiologie:
Wie verbreitet ist die Störung? - Symptomatik:
Welche spezifischen Anzeichen liegen vor? (Klassifiziert nach Systemen wie dem ICD-11 oder DSM-5). - Verlauf:
Wie entwickelt sich die Krankheit ohne Behandlung?
Risikofaktoren: Das „Gegenstück“ zu den Ressourcen
In der Pathogenese suchen wir nach Faktoren, die die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung erhöhen:
- Biologisch:
Vererbung, hormonelle Dysregulation. - Psychisch:
Negative Attributionsstile (die Neigung, Misserfolge sich selbst zuzuschreiben), mangelnde Emotionsregulation. - Sozial:
Armut, Isolation, instabile Familienverhältnisse.
Der Fokus auf das „Defizit“
Ein rein pathogenetischer Blickwinkel birgt die Gefahr der Stigmatisierung. Der Mensch wird oft über seine Diagnose definiert (z. B. „der Depressive“ oder „der Schizophrene“). In der Therapie konzentriert man sich primär darauf, was nicht funktioniert, um es zu „reparieren“.
Pathogenese vs. Salutogenese im Vergleich
| Merkmal | Pathogenese | Salutogenese |
| Zustand | Dichotom (Gesund ODER Krank) | Kontinuum (Mehr oder weniger gesund) |
| Fokus | Risikofaktoren & Defizite | Schutzfaktoren & Ressourcen |
| Ziel | Symptomfreiheit (Heilung) | Handlungsfähigkeit & Wohlbefinden |
| Frage | Warum wurde er krank? | Warum blieb er trotz Last gesund? |
Die moderne Synthese
Heute arbeiten die meisten Psychologen nicht mehr rein pathogenetisch. Das Bio-psycho-soziale Modell verbindet beide Welten: Es erkennt an, dass es biologische Krankheitsursachen gibt (Pathogenese), betont aber gleichzeitig, dass die psychische Widerstandskraft und das soziale Umfeld (Salutogenese) entscheidend dafür sind, wie schwer die Krankheit verläuft oder ob sie überhaupt ausbricht.
Der Blickwinkel der Pathogenese hilft dabei, die Schwere einer Störung zu verstehen, während die Salutogenese die Wege aus der Krise aufzeigt.
Zusammenfassung
Die Pathogenese konzentriert sich auf die Entstehung von Krankheiten und sucht nach biologischen oder psychischen Ursachen für Defizite, um diese gezielt zu heilen oder zu beseitigen.
Im Gegensatz dazu fragt die Salutogenese, welche Ressourcen und Lebenseinstellungen den Menschen trotz Belastungen gesund halten und seine Widerstandskraft stärken.