Pathologisches Spielen

Das pathologische Spielen (engl. gambling disorder, umgangssprachlich Glücksspielsucht) wird in der klinischen Psychologie als eine psychische Störung definiert, bei der Betroffene die Kontrolle über ihr Spielverhalten verlieren, obwohl dies zu schwerwiegenden persönlichen, familiären oder beruflichen Konsequenzen führt.

Im aktuellen DSM-5 (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) wurde das pathologische Spielen von den Impulskontrollstörungen zu den Substanzungebundenen Abhängigkeitserkrankungen verschoben. Diese Neuklassifizierung unterstreicht die massiven Parallelen zu stoffgebundenen Süchten wie Alkohol– oder Drogenabhängigkeit.

Diagnostische Kriterien (nach DSM-5)

Um die Diagnose „Störung durch Glücksspielen“ zu stellen, müssen innerhalb von 12 Monaten mindestens vier der folgenden Merkmale zutreffen:

  • Toleranzentwicklung:
    Notwendigkeit, mit immer höheren Einsätzen zu spielen, um die gewünschte Erregung zu erreichen.
  • Entzugserscheinungen:
    Unruhe oder Reizbarkeit beim Versuch, das Spielen einzuschränken oder aufzugeben.
  • Kontrollverlust:
    Wiederholte erfolglose Versuche, das Spielen zu kontrollieren, einzuschränken oder zu beenden.
  • Gedankliche Eingenommenheit:
    Starkes Beschäftigtsein mit dem Glücksspiel (z. B. Nacherleben vergangener Spielerlebnisse, Planen der nächsten Spielunternehmung).
  • Coping-Mechanismus:
    Spielen in emotionalen Belastungssituationen (z. B. bei Hilflosigkeit, Schuldgefühlen, Angst oder Depression).
  • „Chasing“:
    Dem Verlust hinterherjagen (nach Verlusten am nächsten Tag zurückkehren, um den Verlust auszugleichen).
  • Lügen:
    Verheimlichung des Ausmaßes der Spielproblematik gegenüber Angehörigen oder Therapeuten.
  • Gefährdung von Beziehungen/Beruf:
    Verlust oder Gefährdung wichtiger sozialer Kontakte, des Arbeitsplatzes oder von Ausbildungschancen.
  • Fremdfinanzierung:
    Verlass auf die Bereitstellung von Geld durch andere, um eine verzweifelte finanzielle Situation zu lindern.

Psychologische Erklärungsmodelle

Neurobiologische Perspektive

Das Gehirn eines pathologischen Spielers reagiert auf Spielreize ähnlich wie das eines Drogenabhängigen.

  • Belohnungssystem:
    Das mesolimbische Dopaminsystem wird durch den „Fast-Gewinn“ (Near-Miss) massiv aktiviert. Ein Fast-Gewinn wird vom Gehirn neurochemisch fast wie ein echter Gewinn verarbeitet, was den Drang zum Weiterspielen verstärkt.
  • Präfrontaler Kortex:
    Bei Betroffenen zeigt sich oft eine verminderte Aktivität in den Arealen, die für die Impulskontrolle und die Bewertung langfristiger Konsequenzen zuständig sind.

Lernpsychologische Perspektive

Kognitive Verzerrungen (Gambler’s Fallacies)

Spieler unterliegen oft Denkfehlern, die das Weiterspielen rationalisieren:

  • Kontrollillusion:
    Der Glaube, durch Geschick oder Rituale den Zufall beeinflussen zu können.
  • Wahrscheinlichkeitsirrtum:
    Die Annahme, dass nach einer Serie von Verlusten ein Gewinn „fällig“ sei.

Phasen der Krankheitsentwicklung

Die Psychologie beschreibt klassischerweise drei Stadien der Suchtentwicklung:

  1. Gewinnphase:
    Anfängliche Glückserlebnisse führen zu übertriebenem Optimismus und steigenden Einsätzen.
  2. Verlustphase:
    Gewinne werden verheimlicht, Verluste schöngeredet. Das „Chasing“ beginnt, soziale Kontakte werden vernachlässigt.
  3. Verzweiflungsphase:
    Totale psychische und physische Erschöpfung, Kriminalität zur Geldbeschaffung, soziale Isolation und oft Suizidgedanken.

Komorbidität und Risikofaktoren

Pathologisches Spielen tritt selten isoliert auf. Häufige Begleiterkrankungen sind:

Risikofaktoren sind unter anderem ein früher Erstkontakt mit Glücksspiel, männliches Geschlecht (obwohl Frauen aufholen), hohe Impulsivität und eine familiäre Vorbelastung.

Therapeutische Ansätze

Kognitive Verhaltenstherapie (KVT)

Die KVT gilt als Goldstandard. Schwerpunkte sind:

Multimodale Therapie

Oft ist eine Kombination aus stationärer Therapie, ambulanter Nachsorge und dem Besuch von Selbsthilfegruppen (z. B. Anonyme Spieler) am erfolgreichsten. Auch die Einbeziehung der Angehörigen (Systemische Therapie) ist wichtig, da diese oft „co-abhängige“ Verhaltensmuster entwickeln.