Prüfungsangst
Prüfungsangst wird in der Psychologie oft als eine Form der Leistungsangst klassifiziert, bei der die Bewertung der eigenen Person durch Dritte als Bedrohung wahrgenommen wird.
Die drei Ebenen der Prüfungsangst
Psychologen unterteilen die Symptomatik meist in drei Bereiche, die sich gegenseitig verstärken können:
- Kognitive Ebene (Sorgen-Komponente):
- Katastrophisieren („Wenn ich durchfalle, ist mein Leben vorbei“).
- Selbstzweifel und negative Selbstgespräche.
- Blockaden im Arbeitsgedächtnis (der klassische „Blackout“).
- Emotionale/Physiologische Ebene (Aufgeregtheits-Komponente):
- Aktivierung des Sympathikus: Herzrasen, feuchte Hände, Zittern, Übelkeit.
- Gefühle von Hilflosigkeit oder Panik.
- Behaviorale Ebene (Verhalten):
- Prokrastination:
Aufschieben des Lernens aus Angst vor der Konfrontation. - Vermeidung:
Fernbleiben von der Prüfung.
- Prokrastination:
Psychologische Erklärungsmodelle
Warum entsteht diese Angst überhaupt? Die Forschung bietet verschiedene Ansätze:
1. Das Selbstbewertungsmodell
Hier wird Prüfungsangst als Folge eines Ungleichgewichts gesehen: Die Anforderungen der Prüfung werden als hoch eingeschätzt, während die eigenen Bewältigungsressourcen als niedrig wahrgenommen werden.
2. Die Interferenz-Hypothese
Diese besagt, dass die Angst die kognitive Kapazität „stiehlt“. Während der Prüfung ist das Gehirn so sehr mit den Sorgen beschäftigt (Sorgen-Kognitionen), dass nicht mehr genügend Kapazität für die eigentliche Aufgabenlösung übrig bleibt.
3. Erlernte Hilflosigkeit
Frühere negative Erfahrungen (Misserfolge trotz Vorbereitung) können dazu führen, dass man das Gefühl der Kontrolle verliert. Die Angst ist dann eine konditionierte Reaktion auf die Prüfungssituation.
Strategien zur Bewältigung
Um den Teufelskreis zu durchbrechen, setzen psychologische Interventionen an verschiedenen Punkten an:
| Ansatz | Methode | Ziel |
| Kognitiv | Umstrukturierung | Irrationale Gedanken („Ich muss perfekt sein“) durch realistische ersetzen. |
| Entspannung | Progressive Muskelentspannung | Senkung des physiologischen Erregungsniveaus. |
| Vorbereitung | Simulation | Prüfungsnahe Situationen üben, um Desensibilisierung zu erreichen. |
| Akut | 4-7-8 Atmung | Den Vagusnerv stimulieren, um das System sofort zu beruhigen. |
Ein wichtiger Hinweis: Ein gewisses Maß an Erregung ist laut dem Yerkes-Dodson-Gesetz sogar leistungsfördernd. Erst wenn die Kurve den optimalen Punkt überschreitet, sinkt die Leistung rapide ab. Das Ziel ist also meist nicht „Null Angst“, sondern „optimales Management“.
Zusammenfassung: Was man selbst tun kann
1. In der Vorbereitungsphase (Gegen das Gefühl der Hilflosigkeit)
- Die 50-10-Regel:
Lerne 50 Minuten hochkonzentriert und mache 10 Minuten echte Pause (kein Handy!). Das Gehirn braucht diese Zeit, um Informationen aus dem Kurzzeit- in das Langzeitgedächtnis zu verschieben. - Simulierte Realität:
Prüfungsangst liebt das Unbekannte. Setze dich an einen Tisch, stell dir einen Timer und bearbeite alte Prüfungsfragen unter Zeitdruck. Das gewöhnt dein Nervensystem an die Stresssituation. - Chunking:
Zerlege den riesigen Lernstoff in winzige Portionen. Ein ganzer Berg macht Angst; ein einzelner Stein ist machbar.
2. Die Akut-Strategien (Wenn die Panik aufsteigt)
- Die 4-7-8-Atmung:
4 Sekunden einatmen, 7 Sekunden halten, 8 Sekunden ausatmen. Das lange Ausatmen signalisiert deinem Vagusnerv (dem „Entspannungnerv“), dass alles sicher ist. Es senkt physikalisch deinen Puls. - Gedankenstopp-Technik:
Wenn die „Was wäre wenn“-Spirale beginnt (z.B. „Wenn ich durchfalle, ist alles vorbei“), sage laut oder gedanklich „STOPP!“. Ersetze den Gedanken durch ein realistisches Szenario: „Ich bin vorbereitet und gebe mein Bestes.“ - Positive Reframing:
Versuche, das Herzklopfen nicht als „Angst“ zu benennen, sondern als „Energie“. Sag dir: „Mein Körper bereitet sich gerade darauf vor, Höchstleistung zu bringen.“
3. Ein kleiner Trick für den Prüfungstag
Schreibe deine größten Ängste kurz vor der Prüfung auf ein Blatt Papier. Studien zeigen, dass dieses „Expressive Writing“ den Arbeitsspeicher deines Gehirns entlastet, weil die Sorgen dort „geparkt“ werden und nicht mehr ständig in deinem Kopf rotieren müssen.