Psychische Flexibilität

In der Psychologie ist psychische Flexibilität (auch psychologische Flexibilität, engl: psychological flexibility) weit mehr als nur „Anpassungsfähigkeit“. Es ist die Fähigkeit, in Kontakt mit dem gegenwärtigen Moment zu bleiben und das eigene Verhalten so zu ändern oder beizubehalten, dass es den eigenen Werten entspricht – selbst wenn man gleichzeitig schwierige Gedanken oder Gefühle erlebt.

Das führende Modell hierzu stammt aus der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT).

Der „Hexaflex“: Die 6 Säulen der Flexibilität

Psychische Flexibilität wird oft als Sechseck (Hexaflex) dargestellt. Sie entsteht durch das Zusammenspiel dieser sechs Prozesse:

  1. Akzeptanz:
    Die Bereitschaft, unangenehme innere Erlebnisse (Angst, Schmerz, Zweifel) zuzulassen, statt sie zu bekämpfen oder zu vermeiden.
  2. Kognitive Defusion:
    Die Fähigkeit, Gedanken als das zu sehen, was sie sind (Worte und Bilder), anstatt sich von ihnen beherrschen zu lassen.
  3. Gegenwärtigkeit (Achtsamkeit):
    Bewusst im Hier und Jetzt sein, ohne sich in Grübeleien über die Vergangenheit oder Sorgen um die Zukunft zu verlieren.
  4. Selbst als Kontext:
    Die Beobachterperspektive einnehmen. Zu erkennen, dass man der „Raum“ ist, in dem Gedanken stattfinden, aber nicht der Gedanke selbst.
  5. Werte:
    Klarheit darüber gewinnen, was einem im Leben wirklich wichtig ist (z. B. Mut, Verbundenheit, Kreativität).
  6. Engagiertes Handeln:
    Konkrete Schritte unternehmen, die zu diesen Werten führen, auch wenn Hindernisse auftauchen.

Warum ist psychische Flexibilität wichtig?

Sie gilt heute als einer der stärksten Prädiktoren für mentale Gesundheit und Resilienz.

  • Umgang mit Stress:
    Flexible Menschen versuchen nicht, Stress krampfhaft zu unterdrücken (was oft zu mehr Stress führt), sondern suchen nach Wegen, trotz des Stresses sinnvoll zu handeln.
  • Vermeidung von Starrheit (Rigidität):
    Das Gegenteil ist die psychische Starrheit (Rigidität). Diese zeigt sich oft in Depressionen oder Angststörungen, wenn Menschen versuchen, Gefühle zu vermeiden und dadurch ihr Leben extrem einschränken.

Abgrenzung zu anderen Begriffen

Es ist hilfreich, psychische Flexibilität von ähnlichen Konzepten abzugrenzen:

Konzept Fokus
Resilienz Die allgemeine Widerstandskraft gegenüber Krisen.
Ambiguitätstoleranz Die Fähigkeit, Unsicherheit und Widersprüche auszuhalten.
Kognitive Flexibilität Die rein mentale Fähigkeit, schnell zwischen Aufgaben oder Regeln zu wechseln (Exekutivfunktionen).
Psychische Flexibilität Das Gesamtpaket: Emotionen annehmen + klar denken + werteorientiert handeln.

Eine kleine Übung für den Alltag

Wenn Sie das nächste Mal einen belastenden Gedanken haben (z. B. „Ich bin nicht gut genug“), probieren Sie die Kognitive Defusion:

Sagen Sie nicht: „Ich bin nicht gut genug.“
Sagen Sie stattdessen: „Ich habe gerade den Gedanken, dass ich nicht gut genug bin.“

Dieser kleine sprachliche Unterschied schafft den nötigen Raum, um flexibel zu reagieren, anstatt in der Selbstkritik zu erstarren.