Psychosomatosen
Unter dem Begriff Psychosomatosen (auch „Psychosomatische Erkrankungen im engeren Sinne“) versteht man körperliche Erkrankungen mit organischem Befund, bei denen psychische Faktoren maßgeblich an der Entstehung, Auslösung oder Aufrechterhaltung beteiligt sind.
Im Gegensatz zu somatoformen Störungen (bei denen man nichts Organisches findet) gibt es hier eine nachweisbare Gewebeschädigung oder eine objektiv messbare Fehlfunktion.
Die klassischen „Holy Seven“
In der Mitte des 20. Jahrhunderts definierte Franz Alexander sieben klassische Krankheitsbilder, bei denen der psychosomatische Zusammenhang erstmals systematisch beschrieben wurde:
- Ulcus ventriculi / duodeni:
Magengeschwür bzw. Zwölffingerdarmgeschwür. - Colitis ulcerosa:
Chronisch-entzündliche Darmerkrankung. - Asthma bronchiale:
Chronische Verengung der Atemwege. - Essentielle Hypertonie:
Bluthochdruck ohne primär organische Ursache. - Neurodermitis:
Atopisches Ekzem (Hauterkrankung). - Hyperthyreose:
Schilddrüsenüberfunktion. - Rheumatoide Arthritis:
Entzündliche Gelenkerkrankung.
Heute weiß man, dass diese Liste unvollständig ist und bei fast jeder chronischen Krankheit psychische Faktoren eine Rolle spielen.
Entstehungsmechanismen
Die Psychologie nutzt verschiedene Ansätze, um die Entstehung von Psychosomatosen zu erklären. Ein zentrales Element ist die Stressachse.
- Physiologische Reaktion:
Bei chronischem Stress wird die HPA-Achse (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinde) dauerhaft aktiviert. Die Ausschüttung von Cortisol und Adrenalin führt langfristig zu Entzündungen, Schwächung des Immunsystems und Organschäden. - Vulnerabilitäts-Stress-Modell:
Jeder Mensch hat eine individuelle biologische „Schwachstelle“ (Genetik/Vorerkrankung). Wenn psychische Belastungen ein kritisches Maß übersteigen, bricht die Krankheit an genau dieser Stelle aus. - Emotionale Hemmung:
Wenn Emotionen (Wut, Trauer, Angst) nicht ausgedrückt werden können, reagiert der Körper stellvertretend mit einer physiologischen Entgleisung.
Abgrenzung: Psychosomatose vs. Somatoforme Störung
| Merkmal | Psychosomatose | Somatoforme Störung |
| Organbefund | Vorhanden (z. B. Entzündung, Geschwür) | Kein organischer Befund |
| Beispiel | Magengeschwür | Nervöser Reizmagen |
| Fokus | Psychische Faktoren verschlimmern Organzustand | Psychischer Schmerz wird körperlich wahrgenommen |
| Gefahr | Kann lebensbedrohlich sein (z. B. Asthmaanfall) | Meist subjektiv belastend, selten organisch gefährlich |
Psychologische Behandlung bei Psychosomatosen
Die Therapie ist multidisziplinär. Da eine organische Schädigung vorliegt, ist eine rein psychologische Behandlung meist nicht ausreichend, aber eine rein medizinische oft nicht nachhaltig.
- Psychoedukation:
Den Zusammenhang zwischen Stressauslösern und dem körperlichen Schub verstehen lernen. - Stressmanagement:
Erlernen von Bewältigungsstrategien, um die physiologische Überreizung zu senken. - Tiefenpsychologie:
Bearbeitung zugrundeliegender Konflikte (z. B. Autonomie–Abhängigkeits–Konflikte), die oft hinter den „Holy Seven“ vermutet werden. - Entspannungstraining:
Senkung des Cortisolspiegels durch Techniken wie die Progressive Muskelentspannung (PMR).